Kolumne "Spiegelstrich" : Die besten Texte des Jahres

Sie handeln vom rechten Untergrund, Greta Thunberg, Künstlicher Intelligenz oder Vätern und Söhnen – eine subjektive Essay-Bestenliste. Eine Kolumne.

Klaus Brinkbäumer
Vater und Sohn beim gemeinsamen Rollerfahren
Vater und Sohn beim gemeinsamen RollerfahrenFoto: imago images / Westend61

Ein aufgewühltes Jahr endet, und jene Redner des Jahres, die ihre Souveränität, ihre gedankliche Kraft im allgemeinen Getöse bewahren konnten, haben wir an diesem Ort bereits geehrt.

Politische Sprache ist jedoch mehr als Reden, ist auch geschriebener Text, wenngleich Goethe seiner Schwester Cornelia einst riet: „Schreibe nur, wie du reden würdest.“  

Heute also: die Essays des Jahres.

Essai, das französische Wort, stammt vom lateinischen exigere ab: abwägen, beurteilen. Kurt Tucholsky riet uns allen einst, Roman, Theaterstück oder Börsenbericht zu verfassen: „Versuch, versuch alles. Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.“

Yoni Applebaums „How America Ends“ erzählt von der Spaltung der USA

Mein erster Gewinner ist „Hannibals Schattennetzwerk“ aus der „taz“; das ist eine Enthüllungsserie (https://taz.de/Schwerpunkt-Hannibals-Schattennetzwerk/!t5549502/) mit einem Essay („Herbeigesehnter Bürgerkrieg“ https://taz.de/Essay-rechte-Netzwerke/!5602141/) in der Mitte, schon klar, aber alle Essays, die etwas Neues durchdenken, gründen ja auf Recherche.

Es geht um eine rechte Bewegung, die vom deutschen Untergrund hinaufreicht in Verfassungsschutz und Bundeswehr. Theoretischer Kern dieses Konstrukts ist die angebliche Bedrohung durch den von „globalistischen“ Eliten gewollten „großen Austausch“ der Bevölkerung durch Migranten, darum die gefühlte Notwehr, darum die Vorbereitung des Widerstands. Es geht um das, was unseren Staat zusammenhält oder eben auch nicht.

Novina Göhlsdorf hat in „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ (Ausgabe 01/2020, „Der Autist als ‚Neuer Mensch‘ der Zukunft“) über Greta Thunberg und deren Asperger-Syndrom ähnlich klug, nein, geradezu erleuchtend geschrieben wie John Hendrickson im „Atlantic“ über das Stottern jenes Kindes, das der heutige Präsidentschaftskandidat Joe Biden einst war (https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2020/01/joe-biden-stutter-profile/602401/).

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

[Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer]

Beide Texte lehren: Ehe wir Menschen beurteilen, sollten wir mindestens wissen, auf welcher Grundlage unser Urteil steht – oder, besser, wir sollten mehr wissen wollen.

In „How America Ends“ von Yoni Applebaum, gleichfalls im „Atlantic“ erschienen, erfahren wir viel über die Spaltung der USA und darüber, dass letztlich die konservativen Parteien und ihr Zustand entscheidend für das Überleben einer Demokratie sind; sie verhindern den Absturz in den Faschismus (oder eben auch nicht). (https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2019/12/how-america-ends/600757/)+

David Sedaris' "Father Time" brachte mich zum Weinen

Das Thema des Jahres ist die Klimakrise, und auch, aber nicht nur deshalb, sondern weil er den „grünen Konsens der Ära Merkel“ („sich ökologisch fühlen, unökologisch handeln”) überführt und eine endlich radikale Klimapolitik verlangt, ist Bernd Ulrichs „Zeit“-Text „Grün ist schön, macht aber viel Arbeit“ ein Essay des Jahres. (https://www.zeit.de/2019/41/oekologie-klimaschutz-generationenkonflikt-liberalismus)

Essayistische Literatur wie „Die Jahre“ von Annie Ernaux zählen wir hier leider nicht, doch den Text „Father Time“ (von David Sedaris über das Sterben seines Vaters) nehme ich auf, weil er mich zum Weinen bringt, selbst wenn das in diesem Jahr, in dem mein Sohn geboren wurde, allen Essays gelingt, die sich auch nur entfernt mit Vätern und Söhnen befassen. (https://www.newyorker.com/magazine/2019/01/07/father-time)

Oder mit Liebe, Freundschaft, Vergänglichkeit. Bin ich bloß verletzlicher oder gleich ein Sensibelchen geworden?

„The Lingering of Loss“ von Jill Lapore, ebenso aus dem „New Yorker“, hatte ähnliche Wirkung auf mich: Eine beste Freundin stirbt und vererbt ihr Laptop der Autorin; 20 Jahre später öffnet diese das Gerät und damit unendlich viel mehr. (https://www.newyorker.com/magazine/2019/07/08/the-lingering-of-loss?mbid=social_tablet_e)

Der Konflikt zwischen Mensch und Maschine

Kühler ist zweifellos ein anderes Thema unserer Zeit: Künstliche Intelligenz. In der „Süddeutschen Zeitung“ diskutierte Sarah Spiekermann die Machtfrage: Wie viel Kontrolle soll der Mensch haben und wie viel die Maschine?

Spiekermanns Antwort liegt in ihrem eigenen positiven Menschenbild, also in der Steuerung der Technik durch den homo sapiens – in der Welt der Digitalkonzerne allerdings sei diese Haltung nicht besonders verbreitet. Dort gelte der Mensch als zynischer Egoist und der Computer als, vergleichsweise, edel und altruistisch. (https://www.sueddeutsche.de/kultur/kuenstliche-intelligenz-ethik-menschenbild-philosophie-1.4378898)

(Ich danke Julia Encke, Andrian Kreye und Nils Minkmar für aufmerksame Lesetipps.)

 

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