Kolumne Spiegelstrich : Zurücktreten, aber bitte richtig!

Ein Rücktritt, das war eine Sache, bei der sich die Betroffenen verantwortungsvoll ihrer Schuld stellten. Und so sollte es auch wieder werden. Ein Knigge.

Klaus Brinkbäumer
Annegret Kramp-Karrenbauer will gehen und doch nicht gehen.
Annegret Kramp-Karrenbauer will gehen und doch nicht gehen.Foto: REUTERS

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer

Manchmal erleben wir einen Trend, scheinbar, und wissen sogleich: Nein, oh nein, der Eindruck täuscht.

Es wird so munter wie reichlich zurückgetreten in diesen Tagen: Annegret Kramp-Karrenbauer, Thomas Kemmerich, Jürgen Klinsmann, Mike Mohring und sogar Kardinal Reinhard Marx sagten, es sei nun genug. Wir könnten denken, dass Ethik und damit die Moral nach längerem Sabbatical in öffentliche Ämter zurückgekehrt seien. Und mit der Moral der Rücktritt aus Einsicht: „Ich habe einen Fehler gemacht, darum gehe ich.“

Richtig ist das Gegenteil, in jeglicher Hinsicht. Es sind nicht mehr Rücktritte als früher. Und nein, oh nein, die Moral macht weiterhin Pause.

„Ich war die Parteivorsitzende, ich bin die Parteivorsitzende und ich werde es auf absehbare Zeit bleiben“, das sagte AKK, die gehen und doch nicht gehen will. Kemmerich, Thüringens nun weltberühmter Ex-Ministerpräsident, kündigte den Rücktritt an und hatte zunächst Wichtigeres zu tun, mal sehen, ah nein, wie schade, es wird gar nicht leiser, also na gut.

Mohring wartete und wartete, Marx fand niveauvolle Worte, Klinsmann wiederum verwechselt Freiheit und Egozentrik seit Jahrzehnten: Als Spieler wie als Trainer wusste er, eigentlich, was Vertrauen ist und wie Teams funktionieren – wenn alle für den eigenen und für den gemeinsamen Erfolg einander stützen. Er vergisst das bloß ständig: dass Versprechen nicht nur die Gegenseite binden.

AKK und Kemmerich haben gesehen, dass ihre Macht vergangen und verloren ist. Klinsmann war beleidigt. Die Rücktritte dieser Tage fallen nur zufällig zusammen, denn sie haben viel mit Macht und Kränkung zu tun, weniger mit Einsicht und schon gar nichts mit Moral.

Es war anders, damals, als Willy Brandt noch Verantwortung und Schuld fühlte. Anders auch, als Demokraten und Republikaner gemeinsam Richard Nixon beibrachten, dass es vorbei war.

Anders war es, so lange ist das noch nicht her, als Minister ertappt wurden, weil sie bei Doktorarbeiten gemogelt hatten – und die Würde wahrten. Papst Benedikt XVI., damals 85, trat wegen schwindender Kräfte zurück und Bundespräsident Christian Wulff wegen einer Affäre, von der heute schon keiner mehr sagen kann, worin sie bestand: irgendwas mit Bobbycars?

Die Welt ist heute anders. Selbst bewiesene Wahrheiten, wir lernen das aus Amerika, lassen sich dementieren und drehen, eine Gegenerzählung ist möglich; wenn nur die Gruppe/Firma/Partei zusammenhält, gibt es keinen Rücktrittsgrund mehr, da es ja alternative Wahrheiten gibt. Olaf Scholz, damals Bürgermeister, sagte nach dem missratenen G20-Gipfel von Hamburg, er wäre zurückgetreten, wenn es Tote gegeben hätte, das war wenigstens originell.  

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Wir wollen aus Kolumnen etwas lernen, nicht wahr? Ein kleiner Rücktrittsknigge also:

1. Bleiben wir anständig. 2. Treten wir deshalb unzweideutig ab, lassen wir also los, ich verspreche: Das Leben hört gar nicht auf. 3. Kritisieren wir uns selbst, mit Humor, und erst danach, vielleicht, andere. (Ich weiß schon, manchmal sind die anderen ja aber so intrigant und so furchtbar dumm und haben viel mehr Fehler gemacht als wir – doch nein … trotzdem … lächeln wir‘s weg.)

4. Verteidigen wir nicht, was nicht zu verteidigen ist, lügen wir also nicht. 5. Bitten wir unsere Ehefrau oder unseren Ehemann nur dann an unsere Seite, falls wir uns an 1., 2., 3. und 4. halten werden und sie/ihn auf der Bühne nicht vorführen.

Zusammenfassung: Wir scheiden nicht wie der New Yorker Politiker Anthony Weiner aus dem Amt, der vor dem Rücktritt Fotos von seinem Penis verschickte und danach sogleich wieder.

Wir gehen wie Andrea Nahles: sicher, lächelnd – und die oben genannten anderen werden es zwar auf keinen Fall zugeben, aber beschämt sind sie doch.

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