Komponist Samuel Adler : Vergeben, ohne zu vergessen

Die Nazis verbrannten die Partituren seines Vaters, die Familie floh in die USA. Jetzt ist der Komponist und Dirigent Samuel Adler zu Besuch in Berlin.

Hans Ackermann
Immer noch aktiv. Samuel Adler im Juni 2018 in Berlin.
Immer noch aktiv. Samuel Adler im Juni 2018 in Berlin.Foto: Ackermann

Im November 1938 verbieten die Nationalsozialisten ein gerade komponiertes Oratorium des Oberkantors der Mannheimer Synagoge, Hugo Chaim Adler. „Zerstört und verbrannt“ habe man die Partituren seines Vaters, erinnert sich Samuel Adler, der am Donnerstag im Berliner Konzerthauses in der Reihe „Musica Reanimata“ zu Gast sein wird.

Auf der Jüdischen Schule sei er damals noch einigermaßen sicher gewesen, auch hätten die Eltern ihn und seine Schwester „beschützt, so gut es ging“. Doch nach der Pogromnacht, in der unter anderem auch die Orgel der Mannheimer Synagoge gesprengt wird, ist die Flucht aus Deutschland unvermeidbar. Dafür aber muss Geld beschafft werden: „5000 Mark musste man bezahlen, um einen Pass zu bekommen. Aber der Mann hat meiner Mutter den Pass für meinen Vater nicht gegeben. Er hat gesagt, der muss selber kommen und 20 000 Mark mitbringen.“

Mit „geliehenem Geld“ konnte sich die Familie in die USA retten können, in Massachusetts findet der Vater eine Anstellung als Kantor am „Temple Emanuel“ in Worcester. Samuel lernt in der Synagoge, Chöre zu leiten, aber das Komponieren will ihm sein Vater nicht so „auf die Schnelle“ beibringen. Stattdessen schickt er ihn an die Boston University. Dort studiert Samuel ab 1943 das Handwerk von Grund auf: „Wir hatten einen Lehrer, bei dem mussten wir jeden Tag um 8 Uhr morgens eine Fuge fertig haben. Ein ganzes Semester lang!“ Noch heute, erzählt Adler, würde er immer mal wieder zum Spaß eine Fuge schreiben, „nur um zu schauen, ob ich es noch kann“.

Adler hat mehr als 400 Werke geschrieben

Später geht Adler nach Harvard, seine Lehrer heißen Aaron Copland und Paul Hindemith. Er selber hat mehr als 400 Werke geschrieben, Sinfonien, Streichquartette und Solokonzerte für fast jedes Orchesterinstrument. Einige dieser Kompositionen werden am Donnertag im Konzerthaus erklingen.

Im Gespräch mit Albrecht Dümling wird es dann sicher auch um Adlers Rückkehr nach Deutschland 1951 gehen, als Soldat der US-Armee. Vor diesem Moment habe er sich erst gefürchtet, berichtet der mittlerweile 90-Jährige, sei dann aber recht schnell zu der Erkenntnis gekommen: „Man muss vergeben – ohne zu vergessen“. Mit verschmitzter Freude erzählt der Komponist, wie er damals im pfälzischen Ort Baumholder den evangelischen und den katholischen Chor zum gemeinsamen Singen gebracht hat.

Der Komponist setzt sich immer noch gern ans Klavier

„Brücken bauen mit Musik“, so heißt Adlers vor Kurzem erschienene Autobiografie. Wer vom Fachwissen dieses großen Kompositionslehrers profitieren möchte, wird im Lehrbuch „The Study of Orchestration“ fündig. Erschienen 1982 ist das mehr als 1000 Seiten umfassende Buch zwar auf Chinesisch, aber immer noch nicht in deutscher Übersetzung erhältlich.

Adler lebt in Toledo, Ohio, aber die Pfalz hat ihn nie losgelassen, man hört es an seinem Akzent. Im Mannheimer Auftrag schrieb er 2004 für seine Geburtsstadt die Suite „Man lebt nur einmal“. Als „One lives but once“ gibt sie einer CD-Box zum 90. Geburtstag Adlers den Namen. Es spielt das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt, die Leitung hat mit Emily Freeman Brown eine renommierte Dirigentin, die seit gut 20 Jahren mit Samuel Adler verheiratet ist.

Sein Hauptinstrument, die Geige, kann Adler „wegen der Schulter“ schon seit 20 Jahren nicht mehr spielen. Aber er setzt sich immer noch gerne ans Klavier, komponiert mit unerschöpflicher Energie. Ein Oratorium beispielsweise, das im November zum Gedenken an die Pogromnacht in der Dresdner Frauenkirche uraufgeführt wird, aber auch Wilhelm Buschs „Max und Moritz“, als Werk für Sprecher und Orchester. „Neue Musik“, meint Samuel Adler schmunzelnd, „aber es sind auch Volkslieder drin!“

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