Konferenz "Q Berlin Questions" : Eine Marketingveranstaltung für hippes Denken

Die Zukunftskonferenz „Q Berlin Questions“ im Schiller Theater soll für Berlin als Kreativmetropole werben. Dabei steht schon der Konferenzort für die totale Visionslosigkeit.

Ein Rasen soll daran erinnern: Unter freiem Himmel denkt sich's besser.
Ein Rasen soll daran erinnern: Unter freiem Himmel denkt sich's besser.Foto: Agnieszka Budek

Wie umarmen wir Toleranz und Verschiedenheit? Was sind Konzepte für den Aufstieg und Fall der Stadt? Wie sieht der nächste Gesellschaftsvertrag aus? Und was tun wir, wenn nichts mehr zu tun ist? Drängende Fragen unserer verunsicherten Gegenwart, die man gewöhnlich beim Bier mit Freunden oder beim Frisör bespricht, die aber natürlich auch einen größeren Rahmen der Erörterung vertragen.

Aus eben diesem Grund hat Visit Berlin, offizielle Tourismus- und Kongressorganisation der Stadt, zu einer zweitägigen Konferenz ins frisch von der Staatsoper verlassene Schiller Theater geladen, die „Q Berlin Questions“ getauft ist und mit Nonstop-Programm-Furor durch die ganz großen Themen navigiert. Über 400 Gäste aus 65 Nationen und eine Busladung prominenter Sprecher sind gebeten, sich eine bessere Zukunft zu imaginieren. Und nebenbei auch eine Welt, in der sämtliche „Os“ durch „Qs“ ersetzt sind. Kaffee gibt’s im „Qpernshop“ im Foyer, das Programm weist fünf verschiedene „SESSIQNS“ aus. Cooles Sinnsucher-Branding.

Globale Probleme können nicht in zwei Tagen gelöst werden? Schade.

Als Kuratoren hinter dieser Konferenz stehen Visit Berlin-Chef Burkhard Kieker, Stephan Balzer, Gründer des Event-Unternehmens „Curages“ sowie Michael Schindhelm, ehemaliger Generaldirektor der Berliner Opernstiftung sowie global tourender Kulturberater. Schindhelm ist es auch, der den Erwartungen an „Q Berlin Questions“ gleich den ersten Dämpfer verpasst: Lösungen für all die aufgeworfenen Probleme an zwei Tagen finden zu wollen, das sei vielleicht doch etwas zu ehrgeizig. Schade. Aber das Ambiente stimmt.

Die „multipurpose stage“ (Schindhelm), also die Vielzweckbühne, die das Schiller Theater seit seiner offiziellen Schließung 1992 ist, erfreut das Auge mit großflächig ausgelegtem Rasen, bunt angeleuchtetem Buschwerk, kleinen Pools. Gestaltet hat das die indische Architektin Anupama Kundoo, und zwar als Referenz an jene Gärten, in denen schon zu antiken Zeiten die Philosophen als Open-Air-Denker lustwandelten. Na dann.

Zum Thema „Aufstieg und Fall der Stadt“ spricht Rem Koolhaas, volle Berufsbezeichnung: „Internationaler Star-Architekt Rem Kohlhaas“. Auf dem Videowürfel über der Bühne lässt er zu Beginn seines Vortrags Ronald und Nancy Reagan dem Ende der moralischen Überlegenheit des Westens entgegenreiten. Woraus, ebenfalls im Galopp, das Diktum eines neuen Umgangs mit Staaten wie China, Russland, Katar oder auch Iran abgeleitet wird.

Derweil flimmert ein Best-of berühmter Koolhaas- Bauten über die Bildschirme, darunter das Gebäude des chinesischen Staatsfernsehens in Peking. Ein Besucher meldet sich danach, der im Mittleren Osten wegen eines Tweets zum Thema Demokratie im Gefängnis saß, und will von Koolhaas wissen, ob er mit seiner Forderung nach einem anderen „Engagement“ des Westens meine, „ikonische Bauten in Diktaturen zu errichten?“ Das ist doch mal eine Question.

Hier geht's um 20-minütiges Ideen-Pitching

Allerdings ist damit auch schon der Höhepunkt an Kontroverse beschrieben. Klar, hier geht’s nicht um irgendwelche unbequeme Reibungen. Sondern um 20-minütiges Ideen-Pitching, wofür von Multimedia-Künstlerin Cao Fei bis Nobelpreisträger Muhammad Yunus die Hautevolee der internationalen Bescheidwisser-Szene eingeladen wurde. Alles okay. Alles klug und schön.

Die Schriftstellerin Taiye Selasi („Ghana Must Go“) spricht über kulturelle Identität und erzählt, dass sie in ihrem Leben schon zehntausend Mal gefragt wurde: „Where are you from?“, woher stammst du? Und dass sie diese Frage gern ersetzen würde durch: „Where are you local?“ Sie sagt lauter untadelige Sätze. „Countrys are imaginery, people are real“. Nur warum hat man dabei unentwegt das Gefühl, gleich wird der neue Mittelklasse-BMW enthüllt?

Ganz einfach. Weil es eine Marketing-Veranstaltung ist, für hippes Denken. Im Stile jener in Kalifornien erfundenen TED-Konferenzen („Technology, Entertainment, Design“), aus deren Umfeld sich großteils auch die Gästeschar rekrutiert. Nirgendwo sonst sieht man wohlhabende Menschen so entflammt über Arme sprechen. Stets ist als Beispiel für die Lieblingsvokabel „Innovation“ irgendein afrikanisches Kind zur Hand, das sich ganz ohne Google eine Windmühle gebaut hat. Selbst die Gentrifizierung lässt sich mühelos in den Werbefeldzug für Berlin als Kreativmetropole einspeisen.

Der Programmpunkt „Berlin Immersions“, pardon: „IMMERSIQNS“, lädt beispielsweise auf eine Bustour durch Kreuzberg ein, wo man in den längst weltweit medial gecoverten Prinzessinnengärten einen Vortrag über das erfolgreiche Non-Profit-Unternehmertum einer funky Urbanisten-Szene im Clinch mit Investoren-Interessen geboten bekommt.

Ausgerechnet der Konferenzort steht für die totale Visionslosigkeit

Bemerkenswert auch, dass als Konferenzort mit dem Schiller Theater ausgerechnet eine Location gewählt wurde, die für die totale Visionslosigkeit steht, in diesem Fall der Berliner Kulturpolitik. Nach „Q Berlin Questions“ sind erst mal keine Events dieser Art mehr angedacht. Vielmehr soll das Haus nach derzeitigem Planungsstand für vier Millionen Euro aufgerüstet und saniert werden (unter anderem, weil die Staatsoper ihr ganzes Licht wieder mitgenommen hat), damit bis 2021 als Übergangsmieter die Ku’damm- Bühnen einziehen können.

Gefolgt von der Komischen Oper, die wegen der Renovierung ihres Stammhauses bis voraussichtlich 2028 ein Ausweichquartier benötigt. Die permanente Zwischennutzung. Hat wirklich niemand eine bessere Idee?

Apropos. „Q Berlin Questions“ endet mit einem Marathon, für den sich Speaker aller Couleur bewerben konnten. Freilich wurde auch diese Auswahl kuratiert, damit nicht irgendein AfDler plötzlich die Idee pitcht, Kulturmittel nur noch an Menschen zu vergeben, die in dritter Generation den Schäferhundbesitz nachweisen können.

Beim Marathon zeigt sich der Konferenzgeist noch mal geballt. Ein Jungunternehmer erläutert, was Firmen aus der Flüchtlingskrise lernen können. Ein anderer hat Menschen in Not Kameras umgehängt und eine Webseite dazu eingerichtet. Frauen fordern, dass Frauen endlich als Wirtschaftsfaktor gesehen werden. Heidi Klum wird zitiert. Wie heißt es so schön auf den T-Shirts der Konferenz-Bediensteten: „Any Questions left?“

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