Konzert im Pierre Boulez Saal : La Venexiana pflegen den Klang der Vergangenheit

Das italienische Ensemble La Venexiana zelebriert die jahrhundertealte Musik der Renaissance und des Barock. In ihrem Spiel verschmelzen Wort und Ton.

La Venexia erinnern unter anderem an die musikalische Pionierin Barbara Strozzi.
La Venexia erinnern unter anderem an die musikalische Pionierin Barbara Strozzi.Foto: Kaupo Kikkas

Alle rennen wir ständig nach Venedig – doch wie viel verspüren wir wirklich beim Instagram-optimierten Sightseeing, jenseits vom schieren Staunen über Prunk, Palazzi und Fassaden, von der Aura der Serenissima, von ihrer Kultur, und das heißt doch vor allem auch: von ihrer Musik? Zum Glück gibt es wunderbare Alte-Musik-Ensembles, die mit Herzblut dafür sorgen, dass der Klang der Renaissance und des Barock auch im 21. Jahrhundert vernommen wird. Ensembles wie La Venexiana aus, ja, Venedig.

Im Pierre Boulez Saal haben die Italiener jetzt, unter der Leitung von Gabriele Palomba an der Theorbe, einen thematisch fein verwobenen Abend gestaltet und dabei, im Jahr des 200. Geburtstags von Clara Schumann, eine andere, noch mal 200 Jahre ältere Komponistin aufs Schild gehoben: Barbara Strozzi kam 1619 in Venedig zur Welt und brachte es als komponierende Frau – eine Situation, die ja selbst für Clara Schumann noch schwierig war – auf neun Publikationen.

Was auch an dem Glücksfall gelegen haben dürfte, dass ihr Adoptivvater, der vermutlich auch ihr leiblicher Vater war, Strozzis Talent förderte und für sie eine eigene „Academia“ einrichtete. Ihre Kompositionen, die La Venexiana vor allem ihrem Opus 1, dem „Primo Libro de Madrigali“ entnommen hat, zeugen von ihrer Leidenschaft, Wort und Klang so eng wie möglich miteinander zu verschmelzen.

Im Madrigal „Priego ad Amore“ („Gebet an Amor“) ist es den drei Männerstimmen überlassen, empathisch zu sterben (morir) und zu schmachten (languir). Vor allem der sich dunkel und machtvoll in die Breite verströmende Bass von Salvo Vitale beschert den Stücken das charakteristische Fundament.

Für das 20 Jahre später entstandene „Hor che Apollo“ („Jetzt wo Apoll“) – die Klage eines Liebenden, dessen Geliebte ihn selbst im Schlaf noch auslacht – durchwandert Emanuela Galli den Saal, sodass jeder Publikumsblock augenblicksweise in den Genuss ihres kristallinen Soprans kommt. Einen radikalen Sprung macht die Komposition bei „Spriggionatevi, miei sospir! – „Befreit Euch, meine Seufzer!“, während die Violinen von Efix Puelo und Luca Moretti für Kontinuität sorgen, indem sie die Arie mit wiederkehrenden Ritornellen strukturieren und rahmen.

Kontrast durch Monteverdi

Gerahmt wird auch Barbara Strozzi, und zwar von zwei Männern: Kompositionen des 1595 geborenen Tarquinio Merula bilden die instrumentalen, nichtvokalen Übergänge zwischen den Stücken, Madrigalkompositionen des nun wahrlich berühmtesten Venezianers jener Epoche, Claudio Monteverdi, sorgen für den erhellenden Kontrast zu Strozzis Werken.

Das Finalstück, die Vertonung von Petrarcas Verliebten-Sonett „Hor che’l ciel e la terra“ („Nun, da Himmel und Erde“) beweist: Auch Monteverdi wusste genau, wie man effektvoll Wort und Ton miteinander verzahnt.

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