Konzert von Les Arts Florissants : Heute sind wir Licht

Ausklang des Monteverdi-Jahres: Das Pariser Ensemble Les Arts Florissants unter der Leitung von William Christie in der Philharmonie.

Gelassener Chef. William Christie leitet sein Ensemble vom Cembalo aus.
Gelassener Chef. William Christie leitet sein Ensemble vom Cembalo aus.Foto: J.-B. Millot

Der Abend beginnt mit kleinen Irritationen: Warum ist das Konzert von Les Arts Florissants nicht ausverkauft, wo diese an der Pariser Philharmonie beheimatete Formation einsame Klasse besitzt? Warum spielt die intime Besetzung von acht Sängern und acht Musikern im Großen Saal der Berliner Philharmonie? Und warum umfasst der Auftritt nach Programmheftlage nur gut 60 Minuten Musik? Die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der William Christie sein Ensemble auf die Bühne geleitet, überführt jede Frage in freudige Erwartung. Der 72-jährige Wahlfranzose aus Buffalo versteht es, Stimmen und Stimmungen derart fein zu fassen, dass sich eine stille Heiterkeit einstellt – auch, wenn es in der Musik um letzte Dinge geht.

Zum Ausklang des Monteverdi-Jahres hat Christie seinen eigenen Weg durch die „Selva morale e spirituale“ gelegt, jene gewaltige Sammlung geistlicher Musik, mit der der greise Kapellmeister von San Marco die Summe seines Schaffens zieht. Monteverdis „moralischer und spiritueller Wald“ besteht aus Stämmen unterschiedlichster Beschaffenheit. Er umfasst alle Stile und Besetzungen, bietet Kompositionen für jegliche Anlässe in Kirchen oder Privatkapellen. Christie kennt sich nicht nur in diesem Konvolut bestens aus, er weiß durch seine Nachwuchsakademie „Le Jardin des Voix“ auch, wie man junge Stimmen richtig umhegt. Ein unschätzbarer Vorteil, wenn man zart zu Werke gehen will, sich Stimmen und Instrumente gleich beweglich entfalten sollen.

Das Leben, ein Blitz

Die Pracht, die Les Arts Florissants gleich im eröffnenden „Gloria“ entfacht, ist immer eine der Klarheit, des Lichts. Christie lässt darauf eine „moralische“ Canzonetta und ein Madrigal folgen, in denen die Vergänglichkeit beklagt wird. Auch die Liebe zur Schönheit kommt da nicht gut weg, wenn glühende Augen ihren Glanz verlieren und aus goldenen Locken sehr bald schneeweiße werden. „Betrachte ich die Vergangenheit, ist sie schon tot; die Zukunft ist noch nicht geboren, die Gegenwart ist entschwunden, bevor sie wirklich gekommen ist.“ Das Leben, ein Blitz, der immer nur wenig erhellt, gefolgt vom Donner des Todes.

Christies rote Socken leuchten, wenn er kaum merklich zwischen Cembalo und Orgel wechselt oder mit einem sanften Kopfnicken seinem Ensemble einfach zuhört. Monteverdi hatte sich, nachdem ihm beinahe alle geliebten Menschen gestorben waren, angesichts der Pest zum Priester weihen lassen. Und dennoch weiter für die Oper komponiert, sogar die „Poppea“. Seine Lebensweisheit strahlt in der Interpretation von Les Arts Florissants, die auf die Seelenzweifel noch ein „Gloria“ folgen lassen.

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