Konzerthaus: Abschied von Iván Fischer : Heiteres Klangideal am Gendarmenmarkt

Nach sechs erfolgreichen Jahren an der Spitze des Konzerthausorchesters verabschiedet sich Iván Fischer aus Berlin. Zumindest ein bisschen.

Mit seinem Humor gelang es Fischer, die Herzen der Musiker wie des Publiums zu erreichen.
Mit seinem Humor gelang es Fischer, die Herzen der Musiker wie des Publiums zu erreichen.Foto: Marco Borggreve

Wenn Iván Fischer zu seinen „Mittendrin“-Konzerten lädt, sind die Tickets blitzschnell ausverkauft. Sich unter die Musikerinnen und Musiker des Konzerthausorchesters zu mischen, eine Symphonie neben der Solo-Oboistin sitzend zu erleben, hautnah den Atem der Musik zu spüren, das hat seinen Reiz. Fischer weiß ihn auch bei seinem letzten „Mittendrin“- Auftritt als Chefdirigent zu schüren. Beethovens „Pastorale“ hat er ausgesucht, weil er seine Abschiedskonzerte der Natur widmen will, der bedrohten Schöpfung, die unserer Aufmerksamkeit und Liebe bedarf.

Im ersten Satz entdeckt er das Aufatmen nach der Ankunft auf dem Lande, und gleich darauf seufzen tatsächlich alle Zuhörer beseelt in der Weite des Saals. Danach lässt er die Streicher anstimmen, wie es klingt, wenn ein Baum wächst, von innen gelauscht. Im zweiten Satz findet der in alle Himmelsrichtungen moderierende Dirigent den murmelnden Bach von Eschen gesäumt und beobachtet Forellen im klaren Wasser, ein heiterer Klang-Fischer am Eschenbach.

Christoph Eschenbach, 78, wird in einem Jahr die Nachfolge von Iván Fischer, 67, beim Konzerthausorchester antreten. Die Konstellation ist beiden Dirigenten vertraut: Eschenbach war bereits beim National Symphony Orchestra in Washington Fischers Nachfolger. „Wir kennen den Prozess, das läuft immer gut“, sagt er. „Eschenbach hat sofort bemerkt, dass hier Musizierlust und Mut zur Freiheit herrschen. Das hat er wiedererkannt.“ Obwohl Iván Fischer bei seinem Antritt 2012 betont hat, wie wenig ihn die langfristigen Verträge der Klassikbranche interessieren, hätte man ihn am Gendarmenmarkt gerne länger als die jetzt ablaufenden sechs Jahre behalten. Er war der erste Chef, den sich das Konzerthausorchester frei von Existenzängsten ausgesucht hat. Nach jahrelangem Taktieren endlich musikalisch wachsen zu dürfen, damit wurde ein Traum wahr. Ein verjüngtes Hauptstadt-Orchester wollte wissen, wie sein Weg zur Spitze aussehen kann. Fischer, der sein frei finanziertes Budapest Festival Orchestra mit Umsicht und Hartnäckigkeit zum Markenprodukt gemacht und dabei auch neue Wege der Klassik-Vermittlung beschritten hat, schien dazu geeignet wie kein zweiter.

Sein Humor erreichte die Herzen der Musiker

Der feinsinnige Ungar harmonierte nicht nur mit Intendant Sebastian Nordmann, der die Öffnung seines Hauses mit neuen Konzertformaten vorantreiben wollte. Mit seinem Humor gelang es ihm auch, die Herzen der Musiker zu erreichen und heiter an einem Klangideal für den Gendarmenmarkt zu arbeiten.

Dass das Konzerthaus und sein Orchester heute unverkrampft so viel prägnanter klingen, verdanken sie Fischers nimmermüden Tüfteleien, die nie nur technischer Natur waren, sondern auf einen mitteleuropäischen Resonanzraum zielen. Humor kann dabei zum Bindeglied werden – wenn er geteilt wird. Was bei Simon Rattle und den Philharmonikern nicht immer funktionierte. Im Konzerthaus dagegen lächelt der Chef nie alleine.

Warum er dennoch geht? „Ich habe keine Zeit, ich muss weniger dirigieren, das ist ein innerer Befehl!“ Fischer ist, wie der von ihm verehrte Gustav Mahler, nicht nur Dirigent. Das Komponieren verlangt immer mehr sein Recht, die Sommerferien reichen nicht aus, um die zahlreichen Aufträge zu erfüllen. Darunter ist auch einer des Konzerthauses: In der nächsten Saison hat Fischers Oper nach dem Kinderbuch „Der Grüffelo“ Premiere. Und weil sich das rumgesprochen hat, muss Fischer nun Versionen für andere Sprachen komponieren. Einfach mechanisch zu kopieren, kommt für ihn nicht infrage. Natürlich fordert sein Budapester Orchester Aufmerksamkeit, ohne die es nicht überleben könnte. Und dann ist da auch noch Fischers Leidenschaft für die Oper.

Der Dirigent glaubt an die verbindende Kraft der Musik

Er hat ein Opernfestival gegründet, los geht es diesen Oktober im norditalienischen Vicenza, dessen Renaissance-Theater den Zuschauer quasi zur Quelle führt: Dort kann man erleben, wie aus dem Plan, das antike Theater mit Hilfe von Musik, Tanz und Theater wiederzuerwecken, per Zufall die Oper entstand. Die Produktionen sollen auf Tournee gehen können, und Fischer will sie unbedingt im Konzerthaus vorstellen, dem er als Ehrendirigent eng verbunden bleibt.

Der Opern-Brückenschlag verrät viel über Fischers Glauben an die Musik und ihre verbindende Kraft. „Auch wenn wir gerade einen Rückfall erleben, es wird weiter in Richtung europäische Integration gehen“, sagt Fischer und fügt hinzu: „So wie die Vögel fliegen, müssen auch Menschen über Grenzen gehen dürfen.“

Wenn er nun als Chefdirigent mit Beethovens „Pastorale“ abtritt, lässt er symbolträchtig einen Baum auf der Bühne des Konzerthauses zurück. Um zu erleben, wie er weiter wächst, wird Iván Fischer regelmäßig zurückkehren an den Gendarmenmarkt. Einen Wohnsitz in Berlin behält er, geht weiterhin in der Krummen Lanke schwimmen – und lächelt: „Ich bleibe in der Familie.“

Iván Fischer dirigiert sein Abschiedskonzert noch einmal am Sonntag, 16 Uhr.

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