Konzerthausorchester Berlin : Musik als Mysterium

Ein kraftvoller Abend: Christoph Eschenbach dirigiert Brahms und Grieg, Pianist Víkingur Ólafsson überrascht mit Vielseitigkeit.

Udo Badelt
Dirigent Christoph Eschenbach.
Dirigent Christoph Eschenbach.Foto: Marco Borggreve

Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson kommt zwar aus dem Norden, aber er ist kein Mann, der den Nebel schätzt. Rasierklingenscharf und kristallinklar ist sein Anschlag, der Artist in Residence des Konzerthauses scheint mit dem Suchscheinwerfer durch die Partitur zu streifen.

Ein Stil, der seine Wirkung gut entfalten kann, wenn er auf die oft geradezu mathematische Struktur von Barockkompositionen angewendet wird – und Ólafsson atmet quasi Barock, vor allem Johann Sebastian Bach. Ihn nennt er den „größten Künstler aller Zeiten, Shakespeare und Michelangelo eingeschlossen.“

Mit dem Konzerthausorchester hat er jetzt demonstriert, dass er auch an Werke, die ein bisschen romantische Verunklarung durchaus vertragen würden, mit dem gleichen aufklärerischen Gestus rangeht. Seine Interpretation von Edvard Griegs Klavierkonzert in „Schumanns Tonart“ a-Moll ist denn auch nichts für empfindsame Gemüter, eher für Hörer mit Spaß an strukturellem Denken.

Pianist Víkingur Ólafsso wandelt sich plötzlich

Dass es trotzdem funktioniert, liegt daran, dass das Orchester mit seinem neuen Chef Christoph Eschenbach – der erstmals mit Ólafsson konzertiert – für ordentlich Klangschmelz sorgt.

In der Zugabe, dem zweiten Satz aus Alessandro Marcellos Konzert für Oboe, Streicher und Basso continuo in der Bearbeitung von, genau, Johann Sebastian Bach, wird plötzlich alles anders. Ólafsson scheint in sich selbst zu versinken, der Welt abhandenzukommen. Sein Anschlag: auf einmal federleicht, verwehend, häufig kaum noch hörbar.

Musik als Mysterium. So geht man mit der Erkenntnis in die Pause, dass dieser Pianist doch sehr vielseitig ist, sich sein Spiel keinesfalls leicht über den Kamm scheren lässt.

Dann eröffnet Eschenbach seinen symphonischen Brahms-Zyklus – und zwar mit dem BER unter Brahms Symphonien, der ersten, für die der Komponist 14 Jahre gebraucht hat. Immerhin, es ist was Gutes dabei rausgekommen, was beim neuen Berliner Flughafen alles andere als eindeutig ist.

Christoph Eschenbach vertreibt alle Selbstzweifel

Vom ersten hypnotisch um sich selbst kreisenden Orgelpunkt der Pauke auf C stellt Eschenbach klar, dass Verzagtheit nicht seine Sache ist: Sein Brahms biegt ins Monumentale ab. Keinen von Selbstzweifeln geplagten Romantiker stellt sich Eschenbach vor, sondern einen Titan der Klassik in Beethoven-Nachfolge.

Ein Ansatz, den man nicht mögen muss, der aber in sich stimmig ist – auch wenn die Klangbalance häufig wackelt, Eschenbach scheint die immer wieder fast platzhirschig aufschäumenden Streicher gegenüber den Bläsern zu bevorzugen.

[Noch einmal am Samstag, 30.11., 20 Uhr, Konzerthaus am Gendarmenmarkt]

Die Soli in der Alphornmelodie des Finalsatzes aber gelingen zauberhaft schön. Und in den finalen Takten ist das Orchester längst wieder triumphalistisch vereinigt – mit Akkorden, die donnern, als würden Fasolt und Fafner durch den Saal schreiten.

 

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