Ein „Roman für Bradley Manning“ heißt „Bagdad Marlboro“ im Untertitel

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Kriegsroman "Bagdad Marlboro" : Schuld und Chaos
Meike Feßmann
Sturz des Diktators. Im April 2003 eroberten die US-Truppen Bagdad.
Sturz des Diktators. Im April 2003 eroberten die US-Truppen Bagdad.Foto: picture alliance / dpa

Die Lebenswege des Leutnants Daniel Brooks, seines freundlichen Lachens wegen „Smiley Man“ genannt, und des irakischen Dichters Salmân Mâdhi haben sich in der saudi-arabischen Wüste während der letzten Rückzugsgefechte des Krieges auf fatale Weise gekreuzt. Daniel Brooks, der keinen Ehrgeiz kannte und den Titel „Second Lieutenant“ gerne trug – sein Vater starb als solcher in Vietnam –, gehörte zu einer Versorgungseinheit. Nicht um zu töten, sondern um Freundschaften zu schließen, war er in den Krieg gezogen und auch wegen einer Leidenschaft für die Wüste, die der Großvater ihm eingepflanzt hatte.

Sein größtes Glück: mitten in der Wüste die Bibel lesen! Doch einem brutalen Major gelingt es, ihn zum Töten zu zwingen. In der Schlacht um Hafar al-Bâtin fährt Daniel Brooks mit einem Bulldozer irakische Soldaten über den Haufen und begräbt sie bei lebendigem Leib – in jenen Schützengräben, in denen sie ausgeharrt hatten, ohne zu wissen, dass der Waffenstillstand bereits unterzeichnet war. Salmân Mâhdi gehörte zu diesem Bataillon und konnte fliehen.

Doch auch er hat getötet, ohne es zu wollen. Im Chaos schoss er auf amerikanische Gefangene, die aus einem Lkw ausgebrochen waren, nachdem zuvor ein junger Sabäer, für den er sich verantwortlich fühlte, von einem Amerikaner getötet worden war. Dass einer der Gefangenen ihm zurief, „I’m David Marlboro, Salman!“, begreift er erst hinterher. So hat er auch David Barbiero, genannt der „schwarze Whitman“, erschossen, den zum Freund gewordenen Feind, mit dem er bei nächtlichen Wachdiensten Zigaretten getauscht und sich über Gedichte unterhalten hatte. Er war auch mit Daniel Brooks befreundet. „Wer an die Front geht, tötet entweder oder wird getötet“, ist einer der nüchternen Lehrsätze über den Krieg, die Najem Wali an seinen Helden durchspielt.

Salman hat von der Front immer wieder Briefe an den Erzähler geschickt. Der letzte und wichtigste, der von diesem Erlebnis am letzten Tag des Krieges erzählte, ging verloren, zusammen mit einem Notizbuch, in dem der Dichter die Träume seiner Kameraden aufgezeichnet hatte. Wochenlang in der qualvollen Enge des Schützengrabens eingepfercht, malten sich an die hundert Männer aus, was sie nach dem Krieg machen würden. Es ist dieses Paket, das Daniel Brooks dem Adressaten überreichen wollte.

Poetische Ideen und menschliche Einfühlsamkeit prägen diesen Roman ebenso wie politische Reflexionen. Najem Wali, der auch für die arabische Tageszeitung „Al-Hayat“ schreibt, hebt hervor, dass mit der Ablösung regulärer Soldaten durch die Söldner-Truppe Blackwater eine neue Art des Krieges begann, die „alle künftigen Kriege der Welt veränderte“. Und er reflektiert die Bedeutung von Whistleblowern, mit denen sich die Asymmetrie solcher Kriege auf neue Weise verschiebt. Einen „Roman für Bradley Manning“ nennt er „Bagdad Marlboro“ im Untertitel.

Nach vielen im Irak spielenden Romanen, zuletzt „Engel des Südens“ und „Jussifs Gesichter“, ist der von Hartmut Fähndrich ins Deutsche übertragene Roman Najem Walis Opus magnum. In wechselnden Tonfällen erzählt er von den Verheerungen des Krieges, von Ängsten, Traumata und Tod, vom Sterben von Soldaten und Zivilisten. Seine Fabulierlust und seine Freude an verschachtelten Konstruktionen stehen im Dienst des Themas. „Bagdad Marlboro“ ist ein Antikriegsroman, der sich mit Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ messen kann, auch wenn sich die Kriege der Gegenwart längst nicht mehr so einfach erzählen lassen.

Najem Wali: Bagdad Marlboro. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Hanser Verlag, München 2014. 352 Seiten, 21,90 €.

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