Kriesters "Kopfzeichen" in der Galerie Dittmar : Wiederentdeckung eines Bildhauers

In Berlin gibt es zahlreiche Werke des Bildhauers Rainer im öffentlichen Raum. Höchste Zeit, sie wieder zu würdigen.

Unterm Helm. Rainer Kriesters „Schwarzes Fragment V Sonnenzeichen“.
Unterm Helm. Rainer Kriesters „Schwarzes Fragment V Sonnenzeichen“.Foto: Galerie

Den meisten Skulpturen geht es wie denen von Rainer Kriester: Je länger sie im öffentlichen Raum stehen, desto mehr verschwinden sie aus der Wahrnehmung. Es klingt paradox, aber das Auge gewöhnt sich wie im Fall von Kriester an die vernähten oder vernagelten Monumentalköpfe des erst in Berlin und später auch in Ligurien tätigen Bildhauers, der schon 2002 verstarb. Irgendwann sieht man sie gar nicht mehr.

Dabei ist die Hauptstadt relativ reich mit Kriester-Arbeiten ausgestattet. Trotzdem können wohl nur wenige auf Anhieb sagen, wo seine „Kopfzeichen“ mit den angeschrägten Nasenlinien stehen, die oft an antike Helme erinnern. Anderen Arbeiten sieht man ihre Entstehungszeit deutlich an: Vor allem die an überdimensionale Schnürsenkel erinnernden Nähte und Bronzenägel in den ansonsten abstrahierten Gesichtern weisen ästhetisch auf die siebziger Jahre hin und wirken etwas aus der Gegenwart gefallen.

Deshalb braucht es eine Ausstellung wie die aktuelle in der Galerie Dittmar (Auguststraße 22, bis 31. August), um Kriester neu und mit anderen Augen zu sehen. Geht man die Auguststraße im Dunklen entlang, dann ruhen seine abstrahierten Köpfe und Steinstelen im sonst leeren, sanft erleuchteten Galerieraum. Still und würdevoll sehen sie aus. Archaische Zeichen, die sich schließlich doch in jede Epoche fügen – bis ins Jetzt. Was auch daran liegt, dass Galerist Peter Dittmar sich auf Zeichnungen späterer Skulpturen beschränkt, die keine Nähte oder Nägel zeigen, die Oberflächen also unverletzt lassen. Der Kunsthistoriker Wieland Schmied beschreibt in Kriesters Werkverzeichnis, weshalb gerade jene Arbeiten – in der Ausstellung etwa durch „Schwarzes Fragment V Sonnenzeichen“ (1990) oder „Kalenderstein“ (2000) verkörpert – eine Kraft entwickeln, die sie problemlos durch die Jahrzehnte gleiten lässt. „Die einstige Unruhe war nicht verloren, sie hatte sich nur in das Innere der Skulptur zurückgezogen, pulsierte und pochte gleichsam unter ihrer von Tätowierungen und Hieroglyphen gezeichneten und gegerbten Haut.“ Diese Haut besteht aus Marmor oder Bronze, Materialien von ewiger Haltbarkeit. Kriester hat in Epochen gedacht – und vielleicht ist seine Zeit nun wieder gekommen.

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