Kroesinger inszeniert am HAU : Wo das schwarze Gold sprudelt

„Schwarze Ernte“: Hans-Werner Kroesinger inszeniert am HAU einen Text von Regine Dura über Saudi-Arabien, das Erdöl und westliche Heuchelei.

Szene aus "Schwarze Ernte"
Szene aus "Schwarze Ernte"Foto: HAU

Weltweit werden unglaubliche Summen für Leichen ausgegeben. Im Grunde hängt unsere gesamte Wirtschaft von den Verstorbenen ab. Denn was sind fossile Brennstoffe? „Tote Pflanzen, tote Eidechsen, tote Säugetiere“, prähistorische, organische Materie, sublimiert unter der Erde. Zutage gefördert als Öl.

„Schwarze Ernte“ heißt die jüngste Inszenierung des Dokumentartheater-Regisseurs Hans-Werner Kroesinger im HAU, die ein Geflecht aus ökonomischen, politischen und religiösen Interessen durchleuchtet, das seit dem zweiten Golfkrieg gern auf die Protestformel „Kein Blut für Öl!“ heruntergebrochen wird. Wobei die wenigsten wissen, dass die beiden Flüssigkeiten sich eine chemische Komponente teilen: Porphyrin, ein Pigment.

In einem klinisch weißen, laboratoriumsähnlichen Raum mit Waschbecken an der Rückwand, aus dem es später schwarz zu sprudeln beginnt (Bühne: Friederike Meisel), rückt dabei vor allem ein Land ins Zentrum: Saudi-Arabien, auch bekannt als größter Erdölexporteur der Welt. „Ein Staat, den der US-Ölkonzern Aramco zur Wahrung seiner Interessen erfunden hat“, wie es der britisch-pakistanische Schriftsteller Tariq Ali mal formuliert hat.

Der gewohnt gründlich recherchierte, klug verdichtete und an historischen Querverweisen übersprudelnde Text von Regine Dura setzt an diesem neuralgischen Punkt der westlichen Abhängigkeit vom schwarzen Gold an. Bei einem faustischen Pakt zwischen den USA und Saudi-Arabien, der bis in die Gegenwart wirkt: die Amerikaner bekommen das Öl. Aber nur unter der Prämisse, den Glauben der Saudis in Ruhe zu lassen.

Geschichte der schmutzigen Hände

Was das bedeutet, fasst der im Stück zitierte ehemalige CIA-Mitarbeiter und Nahostexperte Robert Baer so zusammen: „Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudis ihre fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß.“ Konkret handelt es sich um den Wahhabismus. Kurzer Sprung ins Jahr 1744: der fanatische Prediger al Wahhab soll die Machtansprüche des Emirs Ibn Saud legitimieren. Wofür der sich im Gegenzug verpflichtet, al Wahhabs radikale Lehren zu verbreiten. Die sehen auch die Ächtung aller Andersgläubigen vor – was freilich auch Muslime treffen kann. Noch so ein Bündnis mit Nachhall.

Kroesingers Ensemble – Claudia Splitt, Rashidah Aljunied, Lajos Talamonti und Oscar Olivo – arbeitet sich mit hoher Prägnanz durch die Kapitel einer Geschichte der schmutzigen Hände: arabisches Ölembargo, Besetzung der Großen Moschee von Mekka durch radikale Islamisten, Terrorsponsoring, westliche Heuchelei, Lobbyarbeit Saudi-Arabiens. Letzteres ist besonders interessant. Seit dem 11. September hat das Land etwa 100 Millionen Dollar fürs imagepolierende „re-branding“ ausgegeben, auch bei einer Berliner PR-Agentur. Derweil finden, wie es in „Schwarze Ernte“ heißt, weiterhin regelmäßig Hinrichtungen in Saudi-Arabien statt.

wieder vom 9. bis 12. Mai

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