Für die Berliner Ausstellung entstand ein riesiges blau-grünes Fenster

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"Künstler des Jahres" Victor Man : Im Labyrinth der Angst
Den Tod im Blick. Ein unbetiteltes Gemälde von Victor Man aus dem Jahr 2012.
Den Tod im Blick. Ein unbetiteltes Gemälde von Victor Man aus dem Jahr 2012.Abb: © Courtesy of the artist/Foto: Mathias Schormann

Auch in Victor Mans Bildern selbst schimmert stets der Untergrund durch, Schicht auf Schicht wurde die Farbe lasierend aufgetragen, von innen strahlend wie mittelalterliche Andachtstafeln. Bei ihm wird das Werk selbst zum Objekt, zum fragilen Gegenstand, denn die Leinwand ist auf Holz montiert, eine heutzutage unüblich gewordene Methode. Der Künstler gibt sich auch in der Machart als der Wertbeständige, der Konservative, der an prämoderne Ideen der Malerei anknüpft. Zur mittelalterlichen Glaskunst ist es da nicht weit.

Und so entstand für die Berliner Ausstellung ein in Blau- und Grüntönen changierendes riesiges Fenster mit bleiernen Stegen, das in der Technik der gotischen Kathedralen ausgeführt ist. Es bildet die einzige Öffnung im Saal zum Sonnenschein draußen. Doch nicht Helligkeit dringt ein, sondern diffuses Licht, ein weiterer Blick in die Untiefen des Seins. „Zephir“ lautet der Titel der grandiosen Glasarbeit, ebenso wie der Ausstellung insgesamt. Die fedrigen Flügel der antiken Windgottheit, der als Frühlingsbote gilt, sind zu erkennen, dazu die Requisiten des einst übers Land von Hof zu Hof ziehenden Glasers und Scherenschleifers, den Man selbst in seiner Kindheit noch erlebte. Der Künstler gibt einen Zipfel zu erkennen, eine Ahnung und baut sich doch seine eigene Allegorik zusammen.

Die Technik ist von den Surrealisten bekannt, die unterschiedlichste Gegenstände auf der Bildebene zusammenprallen ließen, um in der Dialektik eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Victor Man, der Zeitreisende, geht noch weiter zurück in der Kunstgeschichte, die er nicht einfach nur zitiert, sondern mit der er sich verbindet. So greift er das Bild eines unbekannten Florentiner Prärenaissancekünstlers auf, kopiert das dargestellte „Massaker der Unschuldigen“ und transponiert es in Grisaillemalerei, als hätte sich der Staub der Jahrhunderte darauf abgelagert oder wäre uns nur eine Schwarz-Weiß-Reproduktion überkommen. Auch Sassettas „Versuchung des Heiligen Antonius“ erlebt 700 Jahre später durch Victor Man ihre Wiederkehr.

Umso mehr wirkt der Maler selbst aus der Zeit gefallen. „Geschichte ist ein Albtraum, aus dem ich aufzuwachen versuche“, zitierte er James Joyce bei der Bekanntgabe seiner Ernennung zum Deutsche-Bank-Künstler des Jahres im vergangenen Winter. Als junger Mann hat er den Sturz der Systeme erlebt, den im Kommunismus dekretierten Verlauf der Geschichte als relativ erfahren. Mit seiner Bilderwelt baut sich der rumänische Künstler einen gespenstischen Kosmos der Variablen, in dem es nur eine Gewissheit gibt: die Kraft der Malerei.

DB-Kunsthalle, Unter den Linden 13/15, bis 22. 6.; täglich 10 – 20 Uhr. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 39 €.

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