• Künstlerin Roni Horn im Gespräch: „In dieser Natur begreift man, was Ehrfurcht ist“

Künstlerin Roni Horn im Gespräch : „In dieser Natur begreift man, was Ehrfurcht ist“

Die amerikanische Fotokünstlerin Roni Horn liebt Island. Ein Gespräch über dramatisches Wetter, einsame Pools und die Gefahren des Kapitalismus.

Traumlandschaft. Roni Horn in ihrer liebsten Umgebung: Island. Je ungemütlicher und einsamer die Natur, desto besser, findet die New Yorker Künstlerin, die häufig mit dem Medium der Fotografie arbeitet.
Traumlandschaft. Roni Horn in ihrer liebsten Umgebung: Island. Je ungemütlicher und einsamer die Natur, desto besser, findet die...Foto: Jason Schmidt

Roni Horn, 1955 in New York geboren, wo sie heute noch lebt, gehört zu den wichtigen US-Künstlern ihrer Generation. Sie hatte Einzelausstellungen unter anderem in der Fondation Beyeler in Basel, Tate Modern in London und dem Pariser Centre Pompidou, wurde zur Biennale Venedig und zur Documenta eingeladen. Ihre Künstlerbücher erscheinen im Steidl Verlag. Bis zum 23. 9. zeigt die Neue Pinakothek in München ihre in Island entstandene Fotoserie „Pi“.

Frau Horn, seit den 70er Jahren fahren Sie immer wieder nach Island, viele Ihrer fotografischen Arbeiten und Bücher sind dort entstanden, sogar ein Museum haben Sie eingerichtet. Was reizt Sie bloß so an dieser ungemütlichen Insel?

Das Gefühl des Unwohlseins, das ich dort habe. Die exquisite Natur zieht mich stark an – aber ich fühle mich nie behaglich dort. Es ist stimulierend und gleichzeitig verstörend.

Das müssen Sie genauer erklären.

Da ist zum Beispiel dieser Krater im Landesinneren, mit einem See in der Mitte, der gar kein Ufer hat. Ein fast senkrechter Abhang führt direkt zum knallblauen Wasser. Oder die flache Landschaft im Norden, Melrakkasletta, unter dem Nördlichen Polarkreis: Eine Meile vom Meer entfernt kann man den Ozean immer noch sehen. Überwältigend! Diese Schönheit und Verletzlichkeit gefällt mir, das hat eine unglaubliche Energie. Es ist die Landschaft, die man in meiner Fotoserie „Pi“ sehen kann. Ich bin oft dorthin gefahren. Beim ersten Mal, ein halbes Jahr, mit dem Geländemotorrad. Es war die billigste Art, überallhin zu kommen.

Macht Ihnen das Wetter nichts aus? Eigentlich ist es immer kalt und nass, selbst im Juli nicht mal 15 Grad.

Das Wetter macht einen Teil des Schreckens und der Schönheit des Landes aus. Es ändert sich permanent. Als würde man einen Lichtschalter umstellen: Es kann wunderschön sein – und zehn Minuten später stecken Sie im Schneesturm. Man fährt bei Sonnenschein los, und plötzlich sieht man überhaupt nichts mehr. Ich habe Glück gehabt, hatte nie einen Autounfall, bei dem ich verletzt wurde, bin auch nie von der Straße gefegt worden, wie das vielen Leuten passiert, das sind ja unglaubliche Böen.

Klingt nicht gerade lustig.

Das hat sich wie vieles in Island verändert, der Wind ist nicht mehr so schlimm wie in den 80ern. Ich weiß nicht, ob das mit der Klimaerwärmung zusammenhängt, aber das Wetter ist viel besser geworden, vor allem im Sommer. Bloß: Für mich hat das Land dadurch an Reiz verloren. Ich habe Zeiten erlebt, wo man praktisch nichts sehen konnte, fast immer eine Wolke auf der Landschaft saß. Wenn es sich dann nur ein bisschen gelichtet hat, dachte man: Oh! Immer nur ein Stückchen von der Landschaft zu sehen, fand ich enorm reizvoll. Ich war an einem Ort, der mir total vertraut war – aber hatte keine Ahnung, wie das ganze Bild aussah.

Gibt es bestimmte Orte, die besonders inspirierend waren für Ihre Arbeit?

So viele! Dieses unglaubliche Schwimmbad in der Nähe vom Vulkan Hekla zum Beispiel. Dort wurde ein Damm errichtet und mit dem übrigen Zement ein Pool für die Arbeiter gebaut, mitten in dieser schwarzen Wüste. Als ich mit dem Zelt unterwegs war, bin ich dort immer reingegangen. Da war kein Mensch. Das Schwimmbad hatte eigentlich dauernd geschlossen, ich bin über den Zaun gestiegen – und kam mir vor wie im Himmel.

Warum sind Sie denn vom Motorrad aufs Auto umgesattelt, wenn Sie doch so gern dem wilden Wetter ausgesetzt waren?

Ich fing Ende der 80er Jahre an, zu fotografieren, und musste meine Ausrüstung schützen. Deshalb habe ich auch nicht mehr gezeltet, sondern in sogenannten Hotels übernachtet: Schulen, die im Sommer als Unterkünfte dienten, sehr bescheiden. Außerdem habe ich die Kälte immer weniger ertragen. Einmal, 1992, habe ich fünf Wochen allein im Leuchtturm gewohnt, hoch überm Meer, im Südwesten. Das war zur Zeit der Mittsommernacht, auf dem Felsen hockend habe ich diese ganz langsamen Sonnenuntergänge erlebt, abends um elf. Nach Mitternacht kamen die Papageientaucher, die tagsüber draußen fischen waren, und kletterten in die Felsspalten. Ein echtes Spektakel.

In Ihren Arbeiten, ob Skulpturen, Fotos oder Bücher wie „Pool of Waters“, ist Wasser so allgegenwärtig wie in Island ...

… wo immer heißes Wasser sprudelt, gibt es ein Schwimmbad, oft ohne dass da auch nur ein Dorf ist. Bescheidene Betonbecken, wer will, kann einfach anhalten und schwimmen. Das hat was, heißes Wasser in einer kalten Umgebung. Ich habe da ein Gefühl von Geborgenheit und Schutz empfunden, wie ich es bis dahin nie erlebt hatte.

Schwimmen Sie in den Pools oder sitzen Sie einfach drin?

Ich bin keine sportliche Schwimmerin, es geht mehr ums Erlebnis. Jedes Bad hat eine starke Persönlichkeit. Zum Beispiel das Laugar in den Westfjords, das liebe ich. Der Hausmeister hat mir erzählt, es sei das größte Gebäude in der Gegend, darum würden sie es als Community Center nützen. An Wochenenden und Feiertagen lassen sie das Wasser raus und nutzen das Becken als Tanzsaal. Ein typischer Fall von isländischer Improvisation.

Und das gefällt Ihnen?

Ja! In den 70er, 80er Jahren ist Island wirtschaftlich ein sehr schwaches Land gewesen. Die Leute waren daran gewöhnt, alles mit ganz wenig zu machen. So was kannte ich nicht. Die Amerikaner improvisieren nicht, dort herrscht eine materialistische Kultur. Außerdem bin ich in einer Stadt, in New York, aufgewachsen.

Sie scheinen wirklich verliebt zu sein.

Ich bin kein sentimentaler Mensch, aber wenn ich einen wichtigen spirituellen Einfluss benennen sollte, wäre das Island. Nachdem ich in einer sehr dysfunktionalen Familie aufgewachsen bin, habe ich in Island gelernt, die Natur zu betrachten, und zwar so, dass ich mich selber sehen konnte. Mir hat es gefallen, wie die Leute einander behandeln, dieses Gefühl von Menschlichkeit. Ich glaube, es ist kein Ort, an dem ich gern groß geworden wäre, weil jeder jeden kennt. Andererseits sehe ich den Zusammenhalt. Bei der großen Finanzkrise hatte ich um Island keine Angst, die jungen Leute sind unglaublich erfinderisch. Man wuchs dort mit der Inselmentalität auf: Sie müssen all Ihre Ressourcen von diesem Eiland bekommen, wissen nie, wann Sie abgeschnitten sein werden. Aber das hat sich natürlich stark verändert. An den Ufern wird die gleiche Umweltverschmutzung angeschwemmt wie in China, man hat die gleiche Kommunikationstechnologie: Man weiß alles über jemanden, der 1000 Meilen entfernt lebt, auch wenn man ihn gar nicht kennt. Und dann die wirtschaftliche Erosion. Island ist das Inseltum abhandengekommen.

2007 haben Sie Ihre „Library of Water“ im Westen des Landes eröffnet. Wie sind Sie auf den Ort gestoßen?

Das Bibliotheksgebäude hatte ich schon in den 70er Jahren entdeckt, es steht auf einem Hügel in der Mitte von Stykkisholmúr, auf einer Halbinsel, sodass man in drei Richtungen aufs Meer guckt. Ich finde es großartig, dass die Stadt ihren höchsten Punkt der Bibliothek gegeben hat. Normalerweise hockt da die Kirche. Die Bibliothek war irgendwann zu klein geworden, es sollte eine neue gebaut werden. Die Non-Profit-Organisation Art Angels hat das Gebäude dann für mehr als 20 Jahre gemietet, und wir haben es nach meinen Plänen renoviert. Im Hauptgeschoss befindet sich die „Bibliothek“, eine Installation mit Wasser, das ich in ganz Island, auf verschiedenen Gletschern, gesammelt habe.

Sie bezeichnen sich gern als Einzelgängerin. Aber für dieses Projekt haben Sie dann doch mal ausgiebiger mit vielen Menschen gesprochen.

Das haben andere für mich getan: Mitarbeiter haben Interviews mit Isländern über ihre Erfahrungen mit dem Wetter geführt. Heraus kamen wunderbare Erzählungen, manche nur vier Zeilen lang, andere ein paar Seiten. „Weather Reports You“ ist mir von all meinen Büchern das liebste. Für mich ist es eine Art kollektives Selbstporträt: Wie Menschen übers Wetter reden, hat viel mit der Kultur zu tun, aus der sie kommen. In Island kann man beobachten, wie unglaublich stoisch und stark die Leute sind. Das Wetter hat sie Autarkie gelehrt, in einem Ausmaß, wie man es anderswo selten erlebt.

Zieht es Sie als New Yorkerin nicht zwischendurch in die Stadt?

Reykjavik interessiert mich nicht. Wenn ich in Island bin, will ich in der Natur sein. Früher gab’s da nicht viel. Einen schönen Wasserfall, ja, aber minimale Infrastruktur. Eine typische Stadt bestand aus der Tankstelle, sehr wichtig, und daran angeschlossen eine Art Lebensmittelladen. Vielleicht gab’s noch einen Mechaniker, der das Auto reparieren konnte.

Fotografen wurden mal Lichtbildner genannt. Welche Qualität hat das Licht dort für Sie?

Das ist oft dramatisch! Hinter dem Leuchtturm, in dem ich gewohnt habe, liegt ein Gletscher, Myrdalsjokull, so weiß, dass er den Himmel erleuchtet. Unglaublich, dieses Licht, das vom Boden kommt. Das habe ich auch in Reykjavik im Schneesturm erlebt, da lief ich nachts nach Hause, und alles Licht, selbst das der Sterne und des Monds, schien vom Boden hochzustrahlen.

Und die Stille?

Die ist in Island wie ein full time event, absorbiert die ganze Aufmerksamkeit. Wenn man dort in der Natur ist – da versteht man das schlichte Erlebnis von Ehrfurcht.

Gibt es überhaupt irgendetwas an Island, was Sie stört?

Was den Kapitalismus angeht, haben sie sich die USA zum Vorbild genommen. Mit dem Tourismus essen sie sich am lebendigen Leibe auf. Okay, sie haben wenig andere Ressourcen. Aber sie beuten die Natur in einem Ausmaß aus, die schockierend ist. Im Landesinneren haben sie ein ganzes Tal geflutet. 57 Quadratkilometer! Der Kárahnjúkar-Staudamm ist, glaube ich, der größte Staudamm Europas. Und die Einsamkeit und Einfachheit, die ich so liebe, findet man kaum noch.

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