Künstlerische Selbstinszenierung : Ich bin der freie Wille

Intellektueller und Entertainer: Der englische Schriftsteller Will Self treibt ein virtuoses Spiel mit der Bedeutung seines Namens. Die Zeitschriftenkolumne.

Lost in London. Der junge Will Self auf dem Cover von "Self".
Lost in London. Der junge Will Self auf dem Cover von "Self".Foto: Penguin

Wer mit Vornamen Will und mit Nachnamen Self heißt, trägt eine schwere Last. Erst recht, wenn er ein ausgeprägtes philosophisches Bewusstsein hat. Auf der einen Seite zerrt die Ungewissheit, ob es eine Freiheit des Willens gibt, an der Souveränität der eigenen Entscheidungen, auf der anderen gerät die Stabilität des Selbst ins Wanken, je mehr Geschichten man zusammenträgt, die ein Ganzes ergeben sollen.

Der Schriftsteller Will Self, 1961 als William Woodard Self in Greater London geboren, treibt allerdings seit jeher ein Spiel mit den Herausforderungen seines Namens: Es hilft ihm, die Zumutungen seines Lebens in Schach zu halten. Mit „Will“ (Penguin) – das Self verblasst auf dem Cover fast völlig – hat er gerade ein Memoir in der dritten Person veröffentlicht, das sich seinen schlimmsten Junkie-Jahren Mitte der Achtziger widmet.

Das Motto stammt von Aleister Crowley. „Ich habe oft gedacht, dass es überhaupt kein ,Ich‘ gibt; dass wir einfach das Ausdrucksmittel von etwas anderem sind; dass wir, wenn wir denken, wir seien bei uns, einfach die Opfer einer Illusion sind“, schreibt der britische Okkultist im „Tagebuch eines Drogenabhängigen“.

Der analytische Hintergrund aber lässt sich besser und gründlicher mit dem Philosophen Galen Strawson ausleuchten, der Self einst im Rahmen eines PPE-Studiums (Philosophy, Politics and Economics) unterrichtete.

Willensfreiheit (deren Existenz Strawson ablehnt) und Selbst (dessen Wirklichkeit er befürwortet) sind zwei Lieblingsthemen des in Oxford lehrenden Denkers. Sie prägen auch den Essayband „Was mich umtreibt“ (Oktaven/Freies Geistesleben 2019), seine erste Buchveröffentlichung in deutscher Sprache.

Self zollt Strawson in einem soeben im „Guardian“ erschienenen Essay ausdrücklich Respekt, in dem er über den Charakter seines autobiografischen Schreibens zwischen Karl Ove Knausgårds allwissend auftretender Selbsttransparenz und Rachel Cusks sehr viel fiktionsbewussterem, auf Verfremdung angelegtem Erinnerungsvermögen nachdenkt.

Wer, fragt Self, „kann die Person sein, die voller Zuversicht behauptet, alles über die früheren Inkarnationen seiner selbst zu wissen?“ Das Problem beginne schon mit der Notwendigkeit des Vertrauens darauf, „dass dem Erzähler nach dem Schreiben des Memoirs nichts geschehen darf, was dieses im Rückblick entwertet.“

Self löst es, indem er „so genau wie möglich zu beschreiben versuchte, wie es war, ein 17-jähriger Mittelschichtsjunge zu sein, der im Zeitalter von Punk und Thatcher in der nördlichen Londoner Vorstadt der Heroinsucht erlag“ und der Figur des Will zugleich eine eigene Realität verlieh, „als wäre sie ein amphetaminberauschter Aufziehhase“.

Schon angesichts der zeitgenössischen Inkarnationen von Will Self, über die seine Website will-self.com Auskunft gibt, kann einem indes schwindlig werden. In England gibt es weit und breit niemanden, der sowohl als messerscharf argumentierender Intellektueller wie als satirisch aufgelegter Entertainer auftreten könnte.

Man kann ihn einen Abend lang zusammen mit Iggy Pop auf die Bühne setzen und über Pop und Gegenkultur sprechen lassen. Er macht aber auch im Streitgespräch mit Slavoj Žižek über den Brexit und die Auswüchse des globalen Kapitalismus eine exzellente Figur.

Da ist vom Publizisten und Polemiker noch so wenig die Rede wie vom Essayisten und Romancier: Rollen, die das Nebeneinander von Zucht des Denkens und überschießender, mit Wortraritäten um sich werfender Formulierungsgabe eint. 2014 zog Self nicht zufällig in einem Essay für die BBC gegen den Stilisten George Orwell als Inbegriff literarischen Mittelmaßes („supreme mediocrity“) zu Felde.

Orwell, so der Vorwurf, sei bei seinem Kampf gegen einen drohenden Neusprech selbst ideologisch geworden. Mit dem Roman „Shark“, dem zweiten Teil einer Trilogie um den Psychiater Zack Busner, hierzulande in der virtuosen Übersetzung von Gregor Hens bei Hoffmann und Campe erhältlich, hat er die Probe aufs Exempel gemacht: Einen solchen verbalen Wirbelsturm gibt es nicht alle Tage.

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