Den linken und jüdischen Bewohnern standen Exil oder Schlimmeres bevor

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Künstlerkolonie Wilmersdorf : Die rote Zelle vom Laubenheimer Platz
Markus Bauer
Luftaufnahme der Künstlerkolonie Wilmersdorf zwischen Suedwestkorso und Kreuznacher Straße, um 1928.
Luftaufnahme der Künstlerkolonie Wilmersdorf zwischen Suedwestkorso und Kreuznacher Straße, um 1928.Foto: picture-alliance / akg-images

Die von Regler und seinem Kollegen Alfred Kantorowicz organisierte „Künstlerzelle“ trug diesem Teil der Künstlerkolonie den Namen „Roter Block“ ein. Ihr gehörten auch die Brecht-Schauspielerin Steffie Spira und ihr Mann Günter Ruschin an sowie der spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher, der Sänger und Schauspieler Ernst Busch, die Autoren Arthur Koestler und Manès Sperber und der Psychologe Wilhelm Reich.

Kantorowicz’ frühere Freundin Karola Piotrkowska war mit dem Philosophen Ernst Bloch („Geist der Utopie“) verheiratet und wohnte mit ihm im selben Haus wie der Lyriker Peter Huchel. „Ich fühlte mich hier sofort wohl, denn rings um den Laubenheimer Platz mit seinen kleinen, frisch gepflanzten Birken hausten Gleichgesinnte.“ So erinnerte sich der Journalist Axel Eggebrecht, bis in die achtziger Jahre ein wichtige kritische Stimme in der Bundesrepublik: Es „zeigte sich ein Gemeinschaftsgeist, der in naher Zukunft eine wichtige Rolle spielen sollte“.

Kantorowicz schrieb später: „An Wahltagen prangten die drei Blocks trotzig im Schmuck Hunderter von schwarzrot-goldenen und roten Fahnen und Transparenten. Von weit her, aus Wedding, aus dem Osten Berlins pilgerten Arbeiter zu uns, um sich dies einzigartige, ermutigende Schauspiel einer völlig nazifreien Kolonie im Westen zu betrachten.“ Eine Insel der Demokratie im brauner werdenden Berlin. Der Überfall vom 15. März 1933 brachte den entscheidenden Einschnitt, den meisten der politischen und jüdischen Bewohner stand nun das Exil oder Schlimmeres bevor. Der Schriftsteller Walter Hasenclever beging 1940 auf der Flucht in Südfrankreich Selbstmord. Kantorowicz und Regler wurden im Spanischen Bürgerkrieg verletzt, gingen dann nach Übersee und lösten sich vom Kommunismus.

Dennoch wurde in der Künstlerkolonie weiterhin Widerstand geleistet. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges etwa vom sogenannten „roten Grafen“ Alexander Stenbock-Fermor und Beppo Römer in der Gruppe „Revolutionäre Arbeiter und Soldaten“, aber auch von der unscheinbar wirkenden Sekretärin Helene Jacobs, die Kontakte zur Bekennenden Kirche hielt und untergetauchte Juden versteckte. Sie saß mehrere Jahre im Zuchthaus. Nicht weit entfernt in der Wilhelmshöher Straße wohnte Adam Kuckhoff, der wegen der Teilnahme am Unternehmen „Rote Kapelle“ hingerichtet wurde.

Heute erinnern viele Tafeln an Einzelne der Bewohnerinnen und Bewohner, längst nicht alle können gewürdigt werden. Bis heute blieb die Anlage ein Ort für Künstler und ein außerordentlicher Erinnerungsort.

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