Künstlersiedlung Margarethenhöhe : Krupps Gesamtkunstwerk

Die Margarethenhöhe in Essen war einst ein Künstlerdomizil. Sie stand für den Aufbruch in die Moderne. Eine Schau im Ruhr Museum erinnert daran.

Der Westen hat sein eigenes Hellerau. Schatzgräberbrunnen von Joseph Enseling auf der Margarethenhöhe, Essen, ca. 1912.
Der Westen hat sein eigenes Hellerau. Schatzgräberbrunnen von Joseph Enseling auf der Margarethenhöhe, Essen, ca. 1912.Abbildung: Fotoarchiv Ruhr Museum/Anton Meinholz

1955 wurde Rot-Weiß Essen deutscher Fußballmeister und erhielt die begehrte Schale, auf deren Rand, von außen nach innen fortlaufend, alle Meister seit der ersten Vergabe im Jahr 1903 verzeichnet sind. Eine Kopie der kostbaren Trophäe ist jetzt im Ruhr Museum in Essen zu sehen, in der Ausstellung „Aufbruch im Westen. Die Künstlersiedlung Margarethenhöhe“ (bis 5. Januar 2020. www.ruhrmuseum.de). Der Grund dafür: Die Schale wurde von der Goldschmiedin Elisabeth Treskow geschaffen, die in jungen Jahren in besagter Siedlung gelebt und gearbeitet hatte.

So ist eine Anknüpfung für heutige Besucher gegeben. Denn als Künstlerdomizil ist die Margarethenhöhe aus dem Gedächtnis entschwunden. Als Siedlung besteht sie fort; sie ist eine der größten und sicherlich schönsten der Gartenstädte, die nach der Jahrhundertwende 1900 in vielen Teilen Deutschlands entstanden, oft in räumlichem Zusammenhang mit einem Unternehmen, aus dessen Mitarbeitern sich die ursprünglichen Bewohner zusammensetzten.

Luxusdorf mit satteldachgedeckten Häusern

Die Margarethenhöhe im Südwesten Essens hat nichts von einer Arbeitersiedlung, wie sie in der Nachbarschaft von Zechen und Stahlwerken des Ruhrgebiets entstanden, um die frisch angeworbenen Arbeitskräfte mehr unterzubringen, als tatsächlich wohnen zu lassen. Die Essener Siedlung, ab 1909 im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten in insgesamt 29 Bauabschnitten errichtet, ist ein mit höchstem Anspruch geschaffenes Gesamtkunstwerk, dessen Entwerfer, der aus dem Badischen stammende Architekt Georg Metzendorf, „von der Türklinke bis zur Stadt“ alles gestaltete, um das gern mit dem Bauhaus in Verbindung gebrachte Bonmot aufzugreifen.

Wer heute in der Margarethenhöhe wohnt, zumal den Jugendstilbauten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, lebt in einer Art Luxusdorf in satteldachgedeckten Häusern unter herrlichen Bäumen, mit Marktplatz und Versammlungshaus und abgeschirmt vom Durchgangsverkehr, der um die auf einer Anhöhe gelegene Siedlung herumgeführt wurde. Allenfalls Dresden-Hellerau ist an Qualität mit der Margarethenhöhe zu vergleichen.

Ein einheitliches Lehrprogramm gab es nicht

Von den Künstlern wusste man kaum mehr etwas. Margarethe Krupp, die Witwe des 1902 verstorbenen Patriarchen Alfred, die die Siedlung mit einer eigenen, üppig dotierten Stiftung ins Leben rief und ihr folglich den Namen gab, ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg überzeugen, auch Künstlern und Kunsthandwerkern einen Platz zu geben; so entstanden zwei Atelierhäuser. Ihre Bewohner – danach ausgesucht, dass sie untereinander nicht in Konkurrenz standen – lehrten entweder an der seit 1911 bestehenden Kunstgewerbeschule oder an der 1927, fünf Jahre nach dem (privaten) Ankauf des Hagener Folkwang Museums des Fabrikanten Karl Ernst Osthaus, begründeten Folkwangschule. Ein einheitliches Programm nach Vorbild des Bauhauses gab es an den Lehranstalten nicht. So beruft sich die jetzige Ausstellung denn auch eher auf einen verbindenden „westdeutschen Impuls“, wie er bei dem unvergessenen Ausstellungsunternehmen dieses Titels von sechs Institutionen in NRW bereits im Jahr 1984 so nachdrücklich belegt worden war. Damit ist denn auch der Anschluss ans diesjährige Bauhaus-Jubiläum gefunden, zu dem sinnvollerweise hinzugehört, auf die zahlreichen weiteren Kunstschulen und -strömungen hinzuweisen, die für die so fruchtbaren und turbulenten Jahre der Weimarer Republik zu verzeichnen sind.

Im Falle der Margaretenhöhen-Künstler reicht ihre Zeit über 1933 hinaus und weit in die Nazi-Zeit hinein. Kunsthandwerk in jener konservativen Ausrichtung, wie sie in Essen gepflegt wurde, blieb gefragt, und die für die Margarethenhöhe geschaffenen Skulpturen einer „Säerin“ von Joseph Enseling oder eines Brunnens mit dem Tierpaar von Hahn und Hahn blieben unangetastet, desgleichen die zahlreichen Tierreliefs von Richard Malin, die großenteils noch heute zu sehen sind.

Ein auf den schönen Einzelentwurf zielendes Kunstgewerbe

Die meisten Künstler passten sich möglichst leise an; immerhin regierte in Essen der berüchtigte Gauleiter Josef Terboven. Frida Schoy schuf 1934 das „Stahlbuch“ mit einem Einband aus Chrom-Nickel-Stahl als Gästebuch der Stadt. Es wurde nach 1945, um die Eintragungen von NS-Größen bereinigt, weiterverwendet. Albert Renger-Patzsch, einer der Großen der Fotografie der Weimarer Zeit, gab seine Lehrtätigkeit an der Folkwangschule wegen Differenzen mit dem neuen Leiter 1934 auf und konnte sich das leisten, lebte er doch von Aufträgen der Industrie. Was die Verwendung seiner Fotos angeht, zeigte er sich indifferent, sodass seine Aufnahmen auch in Propagandaschriften auftauchen. Allerdings war er nie Parteimitglied, ebenso wenig sind Äußerungen zugunsten des Regimes überliefert.

Exemplarisch spiegelt sich die deutsche Geschichte ab 1933 in zwei Künstlern. Kurt Lewy, der aufwendige Emaillearbeiten schuf, musste als Jude 1933 emigrieren, um in Belgien erneut verfolgt zu werden; er entwarf nach dem Krieg die Glasfenster der neuen Essener Synagoge. Und auf der anderen Seite Albert Mankopf, der als bekennender Nazi beispielsweise eine Gedenktafel für die „Blutzeugenbewegung“ schuf, mit der die in den Straßenkämpfen der Weimarer Republik umgekommenen „Parteigenossen“ geehrt wurden. Mankopf wurde 1933 zum Leiter der Folkwangschule berufen – flugs in „Meisterschule des Deutschen Handwerks“ umbenannt – und blieb es bis zum Ende des Regimes.

Übersieht man heute die Fülle der 700 ausgestellten Objekte der Margarethenhöhe-Künstler, so zeigt sich das Bild des herkömmlichen, auf den schönen Einzelentwurf zielenden Kunstgewerbes. Das ursprüngliche Ziel der Krupp-Witwe, der rasch wachsenden Industriestadt Essen ein kulturelles Gepräge zu verschaffen, kam in greifbare Nähe, freilich weniger durch die Kunstgewerbler als durch dezidiert moderne Unternehmen wie das Folkwang Museum. Was aus dem Essener Aufbruch herausragt, ist und bleibt die Gartenstadt Margarethenhöhe. Sie lässt ahnen, was städtebaulich in Reichweite lag, wäre die Entwicklung nicht durch die Entfesselung des Ersten Weltkriegs ästhetisch abgebrochen und materiell ruiniert worden.

Rot-Weiß Essen übrigens wurde nach 1955 kein zweites Mal Deutscher Fußballmeister.

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