"Kukolka" von Lana Lux : Ewiger Winter

Entwicklungsroman der brutalen Sorte: Lana Lux erzählt in ihrem Debüt „Kukolka“ die Lebensgeschichte eines ukrainischen Mädchens.

Die Schriftstellerin Lana Lux ("Kukolka")
Die Schriftstellerin Lana Lux ("Kukolka")Foto: Kat Kaufmann/Velrag

Seine ganze Wucht entfaltet dieser Roman gleich schon zu Beginn, als Lana Lux’ Heldin Samira ihre ersten Sätze überhaupt spricht: „Ich habe das Gefühl, in meiner Kindheit war nur Winter." Und: „Ich war ja auch schon immer im Heim gewesen, deswegen war es für mich nicht so schwer zu wissen, was richtig war und was nicht.“ Der ewige Winter, später die größtmögliche Unfreiheit in geschützten Räumen, die nur notdürftig Schutz bieten – all das wird Samira bis zu ihrem 14., 15. Lebensjahr begleiten. Auf einem Lebensweg, der sie von der Ostukraine nach Deutschland führt, in ihr Sehnsuchtsland, in dem ihre Leiden sich nur verstärken. Wo aber, so erschließt sich die formale Konstruktion dieses Romans, Samira es zumindest gelingt, ihre Geschichte in Gänze zu erzählen.

Es sind die mittleren neunziger Jahre, eine Zeit des ungeordneten Übergangs in einem Osteuropa, das noch beherrscht wird vom Regelwerk des einst vermeintlich real existierenden Sozialismus. In dem jedoch natürlich auch der Kapitalismus schon wild wuchert. In Dnjepropetrowsk, wo Samira lebt, ist das nicht anders: Russland ist nah, alle sprechen Russisch, vieles geht drunter und drüber.

Trotzdem schimmern diese äußeren Verhältnisse stets nur kurz durch; dieser Roman führt fast ansatzlos in die innersten und perversesten Auswüchse der neuen Zeit. Zumal Lana Lux, die 1986 in Dnjepropetrowsk geboren wurde und zehnjährig als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland kam, ihren Debütroman „Kukolka“ durchweg aus der Ich-Perspektive eines Kindes erzählt: eines zunächst 7-jährigen Mädchens, das seine Eltern nie kennengelernt hat.

Diese Heldin ist besonders glaubwürdig

„Kukolka“ wird Samira genannt, was auf Russisch Püppchen bedeutet, aber auch „Zigeunerin“, wegen ihrer eher dunkleren Hautfarbe. Noch auffälliger jedoch sind ihre blaugrünen Augen mit ein paar gelben Punkten in der Iris. Mit diesen schaut sie erst einmal so weit, wie sie mit ihren jungen Jahren denken kann. Die Perspektive ist eine naturgemäß kleine. Samira flüchtet aus dem Heim, wird am Busbahnhof von einem Mann namens Rocky aufgelesen und in ein schäbiges Haus gebraucht. Hier leben noch ein paar andere, ältere Jugendliche, die für Rocky betteln und klauen. Aus dem Heimkind wird eine Diebin und Streunerin, eine Art Zwangsarbeiterin, aber immerhin, für ihre Verhältnisse, mit Familienanschluss und einem neuen Zuhause.

Lux gelingt es, ihrer Heldin und deren Ich-Erzählung viel Glaubwürdigkeit zu verleihen. Als Autorin mit eigenem, eben reiferem, größerem Blickwinkel nimmt sie sich geschickt zurück. Lux erzählt im Imperfekt, ihre Sprache ist schlicht, aber schwungvoll und elastisch, die Sätze nie zu lang, die Dialoge betont knapp und mit Auslassungen arbeitend, und das, was sie Samira erzählen lässt, wirkt unschuldig brutal.

Ein Entwicklungsroman der brutalen Sorte

Samira träumt von Deutschland. Doch ihre Realität in der Ukraine sind jedoch zunächst die Beutezüge, die sie mit Lydia, Dascha, Sergej, Ilja und den Zwillingen Oleg und Petja unternehmen muss, ihren Leidensgenossen bei Rocky. Sie schließt Freundschaften, erfährt die Zeit ihrer Reife vom Kind zur Frau, wird von Rocky als Kindsfrau missbraucht, macht intensive Bekanntschaft mit dem Tod. Schließlich liest ein vermeintlicher Traumprinz sie beim Betteln und Singen in einer Bahnunterführung auf, Dmiitrij, kurz: Dima. Er schenkt ihr Rosen, lädt sie zum Essen ein, befreit sie von der Diebesbande. Der größte Vorzug dieses Romans besteht darin, dass seine Heldin nie ihrer Naivität und Träume, wenn man böse sein will auch: Dummheit, verlustig geht, sie sich all das gewissermaßen bewahrt, bei aller Abgebrühtheit, die sie sich antrainiert, trotz der Traumatisierungen durch die Sexarbeit, zu der sie ihr Traumprinz nach und nach bringt.

Samira ist eine gleichermaßen unschuldige wie faszinierend widersprüchliche Heldin, und die folgende Geschichte einer Zwangsprostitution hält Lux lange in der Schwebe, erzählt sie fast wie ein Märchen. Lux bringt die Ambivalenz eines solchen Schicksals literarisch zum Schwingen, in Form eines Entwicklungsromans der brutalen Sorte. Am Ende, das kann man verraten, wird das Mädchen gerettet – und ist um einen großen Traum ärmer.

Lana Lux: Kukolka. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2017.375 Seiten, ab 14 Jahre, 22 €

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