Kulturgeschichte des Swimmingpools : Sprung ins nasse Glück

Abkühlung garantiert: Ein Bildband präsentiert die Kulturgeschichte des Swimmingpools.

Wasser als metaphorisches Geschenk. Urlauber in einem Swimmingpool auf der Insel Bali.
Wasser als metaphorisches Geschenk. Urlauber in einem Swimmingpool auf der Insel Bali.Foto: Rauchwetter/dpa

Um nach Hause zu schwimmen, muss man nicht zwingend am Meer oder einem See leben. Was man aber unbedingt braucht, ist eine gehörige Portion Irrsinn. „Es gibt hier überall Swimmingpools, ich werde sie durchqueren, bis ich auf meinem Grundstück ankomme“, sagt Neddy Merrill, der Held von John Cheevers Kurzgeschichte „Der Schwimmer“. Merrill hat auf einer Gartenparty ziemlich viel Gin getrunken, entschlossen beginnt er seine Reise, die ihn von Pool zu Pool führen wird, immer weiter zurück in seine Vergangenheit, zu Frauen, die er geliebt, und Freunden, die er schon vergessen hatte. Der Schwimmer, den Burt Lancaster in der Verfilmung von 1968 als gusseisernen Kämpfer der amerikanischen Vorstädte verkörpert, wirkt genauso heroisch wie lächerlich.

Die Gegenfigur zu Neddy Merrill ist Benjamin Braddock, der College-Absolvent und „Sportler des Jahres“, den Dustin Hoffman ein Jahr zuvor, 1967, in der Coming-of-Age-Dramödie „Die Reifeprüfung“ gespielt hat. „Ich bin beunruhigt über meine Zukunft“, sagt er. Und warum? „Das weiß ich nicht. Ich möchte jedenfalls, dass sie anders wird.“ Das Leben, das ihm seine Eltern vorgelebt haben, bestehend aus Karriere, Reichtum und Smalltalk bei Abendgesellschaften, erscheint ihm nicht erstrebenswert. Ben lässt sich lieber treiben, auf einer Luftmatratze im Swimmingpool, mit Sonnenbrille vor den Augen und einem kalten Drink in der Hand.

Mehr Bräune wagen. Eine amerikanische Poolschönheit der fünfziger Jahre.
Mehr Bräune wagen. Eine amerikanische Poolschönheit der fünfziger Jahre.Foto: Getty Images

Merrill und Braddock stehen für zwei Arten, mit Wasser umzugehen: sportlich oder spielerisch. Diese Gegensätze zeigen sich bereits in der Poolarchitektur, wie Francis Hodgson, Fotohistoriker an der Universität von Brighton, in seinem Begleittext zum Bildband „Der Swimming Pool in der Fotografie“ schreibt. „Die nierenförmigen Schwimmbecken kennzeichnen dabei die Grenze zwischen jenen, die Schwimmen als beinahe militärische Übung betrachten – ein auf reglementierte Art und Weise stattfindendes Hin und Her, um der Gesundheit und Ausdauer willen –, und jenen, die es als fließende, freie Art der Bewegung sehen.“

Sonnenbadende an einem Schwimmbecken in Paris.
Sonnenbadende an einem Schwimmbecken in Paris.Foto: Gamma-Keystone via Getty Images

Dieses Buch ist das perfekte Gegengift zu den brütenden Temperaturen der letzten Wochen. Schon das Blättern darin reicht aus, die gefühlte eigene Körpertemperatur um zwei, drei Grad Celsius nach unten zu korrigieren. Schnappschüsse sind genauso versammelt wie sorgsam inszenierte Arrangements, Auftritte von Stars und wimmelbildartige Aufnahmen aus der Vogelperspektive. H. Armstrong Roberts zeigt einen Turmspringer der fünfziger Jahre, der mit flügelartig ausgebreiteten Armen über dem Sprungbecken schwebt, unter ihm glitzert das von Reflektionen schraffierte grünblaue Wasser. Der Mann kann fliegen, gleich muss das „Splash!“-Geräusch seines Aufpralls folgen. Es geht um absolute Freiheit, einen sekundenbruchkurzen Zeitriss zwischen Himmel und Erde.

Heißkalt. Eine Mutter badet 1962 mit ihrem Sohn in einem Hotelpool in Colorado. Im Hintergrund türmt sich der Schnee.
Heißkalt. Eine Mutter badet 1962 mit ihrem Sohn in einem Hotelpool in Colorado. Im Hintergrund türmt sich der Schnee.Foto: © Library of Congress

Den Augenblick danach hat Leni Riefenstahl festgehalten, auf ihrem Schwarzweißbild verwirbeln Luftblasen und der Körper einer Springerin unter Wasser zur optischen Spontanskulptur. Das Foto entstand als Teil der nationalsozialistischen Propaganda während der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin. Das Neue Sehen hatte zuvor das Zusammenspiel von Licht, Wasser und Körpern in strenger Sachlichkeit gefeiert. Der „Vogue“-Fotograf George Hoyningen-Huene ließ 1929 zwei Badeanzugmänner und -frauen im geometrischen Zickzack auf einer Sprungturmleiter aufeinandertreffen.

Baden und Freiluftkult galten erst als plebejisches Vergnügen

Swimmingpools sind eine Weitentwicklung der Badehäuser, die in Großbritannien erst nach 1842 öffentlich zugänglich wurden. Bald kamen Schwimmbäder hinzu, gegen Ende des 19. Jahrhunderts folgte eine wahre Bade-Explosion: Jugendstilbäder, Bäder im Stil des Neoklassizismus und solche, die maurischen Palästen glichen. Baden und Freiluftkult galten schnell als plebejisches Vergnügen, wogegen Coco Chanel mit ihrer Werbung fürs Sonnenbaden ankämpfte. Die Draußen-Kultur wurde politisiert, im „roten Gürtel“ um Paris betrieben Bürgermeister den Bau von Großschwimmbädern nach 1919 als linkes Projekt.

Als natürliches Habitat des Swimmingpools fungiert aber Kalifornien. Schon frühe Hollywood-Stars wie Harold Lloyd und Mary Pickford ließen in ihren Gärten gewaltige Becken errichten, später folgten Pools in Gitarren- und Muschelform, die Skateboard-Kultur begann in leeren Hinterhof-Pools aus Spritzbeton. Berühmt ist das Foto von Terry O’Neill, auf dem Faye Dunaway 1976 am Morgen nach der Verleihung mit ihrem Oscar grinsend am Pool des Beverly Hills Hotel hockt, hinter ihr Palmen. Wasser, schreibt Hodgson, sei ein „metaphorisches Geschenk“. Wir alle stammen – in utero – aus dem Wasser, in der Mythologie ist das Wasser ein Stoff der Verwandlung. Dort wird die Venus geboren, und wir stehen staunend am Becken.

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