Kulturgeschichte : Jeckes in der Weite Gottes

Grunewald im Orient: Erinnerung an Rechavia, den deutschesten Teil von Jerusalem.

Thomas Sparr
Wie es einmal war. Rechavia in den späten 20er Jahren als Neubausiedlung.
Wie es einmal war. Rechavia in den späten 20er Jahren als Neubausiedlung.Foto: The National Photo Collection (Israel)

Rechavia, das „vierte Reich“, wie die Dichterin Mascha Kaléko das zunächst als Gartenstadt angelegte Viertel von Jerusalem nannte, entwickelte sich nach 1933 zu einem Zentrum deutscher und insbesondere Berliner Juden. Thomas Sparr, Editor-at-Large bei Suhrkamp, hat mit "Grunewald im Orient" (Berenberg Verlag, 184 S., 22 €) ein kulturhistorisches Porträt dieses einzigartigen Ortes geschrieben. In Rechavia konnte man Figuren wie Gershom Scholem, Gad Granach, Gabriele Tergit, Else Lasker-Schüler oder auch Hannah Arendt begegnen. Das Buch, aus dem wir hier Auszüge dokumentieren, erscheint am 11. Dezember.

Rechavia an einem späten Sonnabendnachmittag Anfang der 1960er Jahre. Schabbatstille liegt über der Weide, der Weite Gottes. Am Schabbatnachmittag sind die stillen Straßen noch ruhiger. Erst am Abend, an Moza’e Schabbat, fließt das Leben zurück in die Adern der Stadt, und es wird auch in Rechavia lebhafter, lauter. Busse und Autos fahren, man hört Musik aus den Radios, Nachrichten, Kinos und Theater öffnen ihre Pforten, Konzerte beginnen abends gegen halb neun. Mit seinem Bauhausstil, dem sandfarbenen Jerusalemer Stein, den kleinen Straßen, dem Klavierspiel, das häufiger zu hören ist, mit seinen Eukalyptusbäumen, Pinien, Palmen und Jacaranda, den akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken nimmt sich Rechavia wie ein Vorort aus.

„Dahlemisch“ erscheint es seinen Bewohnern aus Berlin, und doch ist Rechavia kein Vorort, sondern liegt nahe am Zentrum des westlichen Jerusalem, nicht weit von der Jaffa- und der Ben-Jehuda-Straße, dem Zionsplatz, dem Machane Jehuda, dem Jüdischen Markt. Bis zur Altstadt sind es nur wenige Kilometer; aber die ist Anfang der 60er Jahre noch durch Zäune, Mauern und Stacheldraht abgetrennt. Jerusalems historische Altstadt gehört zu Jordanien. Eine Grenze trennt seit 1948 West- und Ostjerusalem. Immer wieder kommt es an dieser Grenze zu Schießereien. Am Rand von Rechavia kann man die Schüsse hören und Leuchtfeuer sehen.

Die deutschsprachige Zeitung „Jedioth Chadaschoth“ hat ein Klavierkonzert „am Schabbatausgang um 8.30“ angekündigt. Die Mozartsonaten spielt Daniel Barenboim. Man bietet „volkstümliche Ausflüge von Tel Aviv, Haifa und Jerusalem nach Ejlath“ an, der Neuen Stadt am Roten Meer, „zwei Tage – Mittwoch und Freitag“ oder „Sodom ein Tag – Donnerstag“, und verspricht: „Volkstümliche Preise / Erklärungen in den üblichen Sprachen.“ Das heißt gewiss auch auf Deutsch. In einer anderen Anzeige wendet man sich an „Restitutionsempfänger“: „Wir liefern Ihnen für Ihre 33 % aus Entschädigungsgeldern erstklassige weltbekannte Markenartikel, darunter Grundig Tongeräte … Zeiss Ikon Optische Geräte. Lassen Sie sich nicht irreführen. Achten Sie genau auf unsere Firmennamen.“ Am 16. Februar 1961 wird die Menge „der diesjährigen Regensaison“ mit 335,6 mm beziffert. Und Anfang der 1960er Jahre dirigiert der über 80-jährige Robert Stolz mit dem Israel Philharmonic Orchestra im Binjanej ha’uma, dem groß angelegten Volkshaus, „Eine Nacht in Wien“.

Gipfeltreffen zweier Schriftgelehrter

Gershom Scholem verlässt an diesem Schabbatabend seine Wohnung in der Abarbanelstraße und geht bis zur Ecke King George, um dort links abzubiegen. Er ist in Gedanken versunken, kein Caféhausgänger, seinem preußischen Temperament widerstreben Cafés mit allem, was dazugehört, ausgedehnte Zeitungslektüre, stundenlanges Verweilen, zufällige Tischgespräche, vertane Zeit. Heute macht er eine Ausnahme und kommt Martin Buber entgegen, der aus Österreich- Ungarn stammt und Jahre seines Lebens und Lernens in Wien verbracht hat. Gemeinhin empfängt der alte Herr, 83 Jahre, bei sich zu Hause. Aber ebendieses Haus in Talbi’e, dem Nachbarviertel von Rechavia, wäre kein guter Ort für die Verabredung an diesem Sonnabend. Dort, in jenem Haus, überreichten wenige Wochen zuvor Freunde und Weggefährten, Professoren, Verleger Martin Buber den letzten Band seiner Bibelübersetzung, die er fast 40 Jahre zuvor zusammen mit Franz Rosenzweig begonnen hatte.

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„Lieber Herr Buber“, so hatte Scholem gesprochen, „wenn wir uns heute in Ihrem Hause zusammengefunden haben, um den denkwürdigen Tag des Abschlusses Ihrer Bibelübersetzung ins Deutsche zu feiern, ein bisschen nach der Art eines alten jüdischen ,Ssijum’ beim Abschluss des Studiums, so ist das für uns eine bedeutsame Gelegenheit, auf dies, Ihr Werk, seine Absicht und seine Leistung zurückzublicken.“ Und gerade diese Ansprache, die eine Lobrede hätte sein sollen, hatte einen Dissens zwischen Gershom Scholem und Martin Buber hervortreten lassen. Der Streit betraf alles, die überlieferte jüdische Tradition, die Art und Weise, sie zu lesen, die Schlüsse, die beide daraus zogen. Auf den ersten Blick eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gelehrten unter sich. Aber das war sie nicht. Im Kern betraf sie das Verhältnis von Deutschen und Juden, die historische Bürde, den Umgang damit, eine mögliche Annäherung der beiden Völker, das Verhältnis zweier Staaten, Deutschland und Israel. Es ist kein Zufall, sondern bezeugt einen ganzen historischen Zusammenhang, dass sich diese Kontroverse an der Bibelübersetzung entzündete.

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