Kulturoffensive in Katar : Der Persische Golf ringt mit seiner Geschichte

Das neue Nationalmuseum von Jean Nouvel feiert die Geschichte des Landes. Doch die verdrängte Vergangenheit scheint durch. Ein Besuch.

Gebaute Wüstenrose. Zur Gänze lässt sich das Nationalmuseum kaum überblicken, das Jean Nouvel aus „Scheiben“ formte.
Gebaute Wüstenrose. Zur Gänze lässt sich das Nationalmuseum kaum überblicken, das Jean Nouvel aus „Scheiben“ formte.Foto: B. Schulz

Besser als die Athleten, die kürzlich in der katarischen Hauptstadt Doha um Medaillen und dabei gegen das Klima kämpften, hat es die Kultur. Mit ihr wirbt Katar ebenso für sich wie mit dem Sport: Sie findet drinnen statt.

Die Museen in Katar sind, wie alle Gebäude, wohltemperiert. Dennoch gilt es, der Tageshitze standzuhalten, um die Architektur der Bauten von außen zu erfassen. Schon das vor nunmehr elf Jahren eröffnete Museum Islamischer Kunst (MIA) ist ein wunderbares Gebilde. Der im Mai dieses Jahres hochbetagt verstorbene I.M. Pei hat es aus einzelnen Kuben wie zu einem Exerzitium in Geometrie aufgetürmt.

Das erst vor einem halben Jahr in Betrieb gegangene Nationalmuseum Katars hingegen entzieht sich einer einfachen Beschreibung. Denn die „Wüstenrose“, jenes von Naturkräften aus Sand geformte Gebilde, das dem französischen Architekten Jean Nouvel als Vorbild diente, kann unendlich viele Formen annehmen.

Nouvel übersetzte die ineinander geschobenen Kreisformen, wie sie für Wüstenrosen typisch sind, in 539 Scheiben unterschiedlichster Größe, die er in einem wahren Geduldsspiel zu einem Gebilde zusammensteckte, das sowohl Bauwerk als auch Landschaft ist.

Denn beim Näherkommen schält sich das Gebäude wie eine Hügelkette aus der Umgebung. Nichts verrät seine Zweckbestimmung. Der Eingang ist erst aus unmittelbarer Nähe zu erkennen. Man schlüpft unter dem Bauwerk hindurch in einen erstaunlich geräumigen Innenhof, den die Wüstenrose – oder muss man den Plural benutzen? – in unterschiedlicher Höhenentwicklung umsteht.

Im Nationalmuseum wird die Geschichte von Katar erzählt

Der Eindruck von Geräumigkeit setzt sich im Inneren fort. Die hineinragenden Scheibensegmente haben nicht immer eine konstruktive Funktion. Sie bewirken aber eine fließende Raumfolge, die der Aufgabe des Nationalmuseums ideal entgegenkommt, das zunächst die Naturgeschichte der Golfregion und dann die politische Geschichte des heutigen Katar als gegliedertes Kontinuum erzählt.

Auf Mittelinseln und in Vitrinen werden wenige, aber bezeichnende Objekte gezeigt. Katar ist nicht der Nabel der Welt, das wird auch nicht behauptet. Vielmehr wird die faszinierende Geschichte eines Landstrichs gezeigt, der – anders als lange im Westen abgetan – nicht an irgendeinem Ende der Welt dahindämmert, sondern immer schon ausgreifende Handelsbeziehungen in alle Richtungen unterhielt, sei es übers Meer oder durch die Wüste.

In diese Erzählung, in der Portugiesen, Osmanen und alle Schattierungen von Kaufleuten, Sklavenhändlern und Kolonisatoren ihre Rolle spielen, hätte die Ausstellung gepasst, die das unweit gelegene – aber bitte nicht zu Fuß anzusteuernde – MIA gerade eröffnet hat. „In Stein gemeißelt. Edelsteine und Juwelen indischer Fürstenhöfe“ unterstreicht das Bestreben der zuvor an den Staatlichen Museen Berlin tätigen Direktorin Julia Gonnella, die missverständliche Kategorie einer „islamischen“ Kunst zu überwinden.

Das Museum für Islamische Kunst zeigt indische Juwelen

Denn so prägend der Islam für die Künste auf dem indischen Subkontinent auch war, gehen diese doch in solch religionsspezifischer Zuordnung mitnichten auf. Was grade die Juwelen zeigen, die in Materialien und Formen hybrid sind. Sie kombinieren die hochgeschätzten Perlen vom Golf mit den Edelsteinen der verschiedenen Landschaften Indiens, gefasst in das wahrlich globale Gold.

Zur Turbanzier von Maharadschas und dem eher profaner Wertaufbewahrung dienenden Schmuck der Untertanen kommt im Laufe des 18. Jahrhundert etwas Anderes hinzu: eigens gefertigte Geschenke, wie sie der Entrepreneur der britischen Oberherrschaft, Robert Clive, als Zeichen seines sagenhaften (Neu-)Reichtums 1760 mit nach Hause nahm und von denen manches über den Kunstmarkt zu den höfischen Prachtstücken des MIA hinzukam.

Die Ausstellung indischer Geschmeide richtet sich nicht zuletzt an die kopfstarke Community des Subkontinents, die in Katar wie auch in anderen Golfstaaten heimisch geworden ist (von der Nichtgewährung der hiesigen Staatsbürgerschaft einmal abgesehen).

Auch im benachbarten, von Katar aus aufgrund diplomatischer Zerwürfnisse derzeit unzugänglichen Abu Dhabi zielt ein Museumsneubau verstärkt auf eine asiatische Besucherschaft. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Louvre Abu Dhabi gleichfalls vom französischen Weltarchitekten Jean Nouvel entworfen wurde, der dort ebenfalls einen Ortsbezug, allerdings in Gestalt eines arabischen Marktplatzes, herstellte.

Doha hat auch moderne Kunst zu bieten

Doha sucht sich zugleich als Ort der Gegenwartskunst zu präsentieren. Mathaf, das Museum für zeitgenössische Kunst, wurde vor Jahren in der seinerzeit noch rudimentären education city, der „Bildungsstadt“ im Westen der Kapitale eröffnet. Inzwischen ist der Standort durch die Eröffnung der nahegelegenen Nationalbibliothek, einem vorzüglichen Entwurf des holländischen Weltbürgers Rem Koolhaas, deutlich aufgewertet. Sogar eine erste Straßenbahnlinie erreicht den weitläufigen Außenbezirk.

Das Mathaf hat gerade die Ausstellung „Triumphant Scale“ des ghanaischen Altmeisters El Anatsui übernommen, die zuvor im Münchner Haus der Kunst Furore gemacht hatte. In einem weiteren Ort aktueller Kunst, der mit Feingefühl umgebauten Achtziger-Jahre-„Feuerwache“ an der Küstenpromenade, wurde eine Werkschau des New Yorkers Brian Donnelly eröffnet.

Das Schaffen des unter seinem Graffiti-Tag „KAWS“ bekannt gewordenen Künstlers wird der Einfachheit halber unter Pop-Art rubriziert. Seine oberflächlich glatten Gemälde und Skulpturen von Disney-ähnlichen Comicfiguren wirken durch die gezielte Überraschung, die der vom italienischen Multi-Kurator Germano Celant eingerichtete Parcour mit ständig wechselnden Perspektiven bietet.

Ob man sich Brian Donnellys Arbeiten als Einzelstück auf Dauer ansehen wollte, ist eine Frage, die die eleganten katarischen Eröffnungsgäste wohl kaum bewegte. Ihnen dürfte KAWS durch seine Ausflüge ins Modedesign geläufig sein.

Sklaverei gehört zu der Lokalgeschichte

Doha ist eine schnell wachsende Retortenstadt und ein ausgedehntes Hochhausviertel wie „Pearl“, das vor einem Jahrzehnt allenfalls auf dem Reißbrett existierte, prunkt inzwischen mit drei Dutzend 30-stöckigen Apartment-Türmen entlang einer künstlichen Bucht. Zugleich wächst der Wert des Wenigen, das aus alter Zeit geblieben ist. Dazu zählt eine Handvoll Häuser in der historischen Ortsmitte Msheireb.

Zurückhaltend restauriert und klug erweitert, dient der Komplex der Msheireb-Museen der Bewahrung der Lokalgeschichte. Und die ist nicht makellos: Die Golfküste war eine Weltgegend, in der Sklaverei seit jeher einen Bestandteil der Ökonomie bildete und bis weit in die Zeit der britischen Oberhoheit hinein üblich war.

Davon berichtet die sehr eindringliche Installation im Bin-Jelmood-Haus, mangels authentischer Objekte, weniger eine Ausstellung als eine Folge von Videosequenzen. Die Geschichte der Sklaverei ist nur in mündlicher Überlieferung vorhanden, denn die Gebäude und Gegenstände, in und mit denen die dem antiken oikos nicht unähnliche Sklaverei ausgeübt wurde, sind spätestens mit dem Öl-Boom des 20. Jahrhunderts unwiederbringlich verschwunden.

Ein Teppich symbolisiert die Geschichte des Landes

An der Etablierung der Msheireb-Museen wie am – touristisch geschönten – Wiederaufbau des nahegelegenen Waqif-Marktviertels wird erkennbar, dass sich in Katar die Phantomschmerzen einer verdrängten, vergessenen Geschichte bemerkbar machen.

Eines der Spitzenstücke des Nationalmuseums ist der Teil eines Teppichs, den ein indischer Maharadscha für das Grab des Propheten im arabischen Medina in Auftrag gab. Der ursprüngliche Teppich wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in kleinere Teppiche zerschnitten; nur zwei der ursprünglich wohl fünf Teile sind heute noch bekannt.

Schätzungsweise anderthalb Millionen Perlen wurden insgesamt eingewebt – Perlen, die am Grund des Persischen Golfes ertaucht werden mussten. Zur Perlenfischerei wurden früher auch die in die Familienbetriebe integrierten Sklaven herangezogen. So bewahrt der einzigartige Teppich die Geschichte des Landes, das ihn heute zu seinem nationalen Erbe zählt.

Die Recherche zu diesem Text wurde unterstützt durch Qatar Museums Authority.

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