Kunst und Markt : Farbe im Flug

Elisabeth Vary balanciert zwischen Malerei und Plastik. Die Galerie Kajetan widmet der fast 80-jährigen Künstlerin eine fantastische Ausstellung.

Farbe dreidimensional. Ein Objekt ohne Titel von Elisabeth Vary aus dem Jahr 2009.
Farbe dreidimensional. Ein Objekt ohne Titel von Elisabeth Vary aus dem Jahr 2009.Foto: Marcus Schneider

Von vorn betrachtet wirkt die Arbeit wie ein klassisches Tafelbild. Über wässrig blubberndem Blau ziehen lichte Gelb- bis Grüntöne. Zum unteren Bildrand hin klart der kraftvoll dynamische Duktus auf zu Lasuren, die den Blick auf schillerndes Violett freigeben.

Doch das Schweben und die Schatten an der Wand der Berliner Galerie Kajetan locken den Blick auf die seitlich abgeflachten Partien. Ein Schritt zur Seite, und man entdeckt ein weiteres Bild: Die Ölfarbe bildet aquarellartige Linien, feine Farbverläufe, die wie ein Fries von weiß-grün bis blau-violett anmuten. Zwei Schritte zur anderen Seite wirken die Lineaturen beruhigt, sind gelb und rosa grundiert.

Malstücke, nennt sie ihre Arbeiten

Elisabeth Vary, die in den 1960er Jahren zuerst an den Kölner Werkschulen und später in Düsseldorf an der Kunstakademie studierte, malt keine gewöhnlichen Bilder. Jedenfalls keine zweidimensionalen. Malstücke nennt die zwischen Köln und dem französischen Coberon wechselnde Künstlerin ihre Arbeiten. Das klingt fast ein wenig spröde, zielt aber genau in den Zwischenraum von Poesie und Alltag, in dem auch ihre Kunst schwingt.

Es geht um pure Malerei; um die genuinen Eigenschaften und Möglichkeiten der Farbe, um das Erforschen ihrer unerschöpflichen Ausdruckskraft. Seit 1983 baut Vary ihre Bildträger selbst, hat die zweidimensionale Leinwand verlassen und erfindet geometrische Objekte. Aus Pappe konstruierte Körper, die oft aus dem rechten Winkel geraten scheinen, mit spitzen Ausläufern oder ovalen Rundungen, und die sich bisweilen zu zweit ineinander verkanten. Diese eigenwilligen Konstruktionen geben dem Material Farbe einen konkreten Impuls in den Raum.

In diesem Sommer begeht Vary ihren achtzigsten Geburtstag, und bis heute passt die 2001 emeritierte Professorin – die zuletzt an der Kunsthochschule für Medien Köln gelehrt hat – in keine Schublade. Mit Verve und Konsequenz bewegt sie sich zwischen allen Stühlen der Stile und Gattungen. Bedient sich der expressionistischen wie der informellen Abstraktion, ist im Duktus und in der Farbigkeit mal wild und mal ruhig bis monochrom. Anderes wirkt ebenso locker verspielt wie streng.

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All das ereignet sich meist gleichzeitig. Denn jedes der Malstücke hat mindestens fünf Seiten, manche bringen es gar bis auf zwölf, und jede einzelne davon besitzt einen eigenständigen Charakter, was Bild und Farbe anbelangt. Im Sinne des Künstlers Yves Klein, auf den sich Vary bezieht, um ihren originären Wert, um das Lebendige der Farbmaterie, um ihre Seele.

Im Verschmelzen von Farbe und plastischer Form entsteht zudem eine Konzept-Ebene, die die installative Anordnung der Ausstellung erfrischend fortschreibt. In den großzügigen Räumen der Galerie entfalten die lediglich 18 klein- bis mittelformatigen Arbeiten zu Preisen zwischen 10 000 und 24 000 Euro ebenso klare wie spannungsvolle Bezüge. In Einzelwerken, die aus zwei getrennten Teilen bestehen, komponiert Elisabeth Vary den Zwischenraum wie ein skulpturales Spielbein mit und überführt das der Film- und Fototechnik entlehnte Prinzip des Blow-up geschickt in die Malerei.

Der Clou steckt im Detail

Kleinere Malstücke bekommen viel Luft und Platz. Gleichzeitig bilden sie Sichtachsen untereinander, scheinen zu fliegen und sind zugleich an ihrem Ort verankert. Denn der Clou steckt im Detail: in freigelegten, wie verletzt wirkenden Partien, in heftig gesetzten Spachtelzügen oder Verkrustungen, in der sichtbaren Bewegung von Farbe im flüssigen Zustand oder in den winzigen Farbmassiven, die aus der Tiefe hervorquellen.

So, wie überhaupt die Möglichkeit gegeben ist – die tektonisch reizvolle Vorstellung: Sämtliche Farbe könne aus dem Inneren der dreidimensionalen Malstücke entstehen. In dieser Spannung von Volumen und Oberflächenreiz, von ausgeklügelten Schichtungen und großartigen Raumbezügen entfaltet sich ein Farbkosmos, mit dem Elisabeth Vary weit mehr als den seit Ende der 1950er Jahre propagierten „Ausstieg aus dem Bild“ vollzogen hat: Bei ihr tritt die Farbe darüber hinaus in den Raum.

Ein Polyeder zum Niederknien

Man möchte Varys Malerei umrunden wie eine Skulptur. Gut, da würde man vor die Wand laufen; aber mit ihrem All-Over, mit ihrer Körperhaftigkeit, den Schatten, Unter- und Hintergründen fordern die Malstücke unsere Neugierde heraus. Und manche sind tatsächlich zum Niederknien.

So wie jener zweiteilige Polyeder, der zwischen 2018 und 2019 entstanden ist. In der Draufsicht meint man eine auf den Kopf gestellte, lodernde Stadtsilhouette zu entdecken. Ein Eindruck, der sich in wüsten Schwarz-Weiß-Schleiern auf der Frontseite wiederholt. Doch die ist nach hinten abgeschrägt und nur zu sehen, wenn man in die Knie geht.

[Kajetan – Raum für Kunst, Gneisenaustr. 33; 1. Hof; bis 20. Juni, Mi–Fr 14–19, Sa 12–16 Uhr unter Einhaltung der Covid-19-Vorsichtsmaßnahmen]

Währenddessen hängt ein kleiner Farbkörper von 2009 vier Meter hoch über dem Betrachter. Wir wünschten uns eine Leiter, um zu erkunden, wie es da oben weitergeht. Warum schiebt Elisabeth Vary diesen braunen, minimalistischen Keil zwischen landschaftlich anmutendes Grün und Blau – zwischen unsere Vorstellung von Malerei und Plastik? Und warum enthält sie uns immer einen Teil des Malstücks vor?

Farbe als Material, als Spurensuche. Elisabeth Vary gibt keine Titel, keine konkrete Darstellung oder Behauptung vor. Sie legt Fährten, auf denen die Besucher ihre eigenen Wege gehen können. Zwischen den Malstücken sich recken und beugen, vor Wände laufen oder ins Wanken geraten. Auf jeden Fall immer in Bewegung bleiben.

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