Kunst vorm Bau (1) : Wie man sich bettet

In unserer Sommerserie stellen wir Skulpturen im öffentlichen Raum vor. Zum Auftakt: Henry Moores Skulptur „Liegende“ vor der Akademie der Künste im Hansaviertel.

Henry Moores „Liegende“ vor der Akademie der Künste ist auch Gegenstück zu den pathetisch gereckten Männerfiguren der NS-Bildhauer.
Henry Moores „Liegende“ vor der Akademie der Künste ist auch Gegenstück zu den pathetisch gereckten Männerfiguren der...Foto: Thilo Rückeis

Wer in Berlin an Kunst im Stadtraum denkt oder „Kunst vorm Bau“, wie wir unsere Sommerserie in Anspielung auf den festen Terminus „Kunst am Bau“ genannt haben, dem kommen sogleich die dicken Dinger in den Sinn: Bernar Venets monumentaler Bogen gegenüber der Urania, Eduardo Chillidas stählerne Windkämme vor dem Bundeskanzleramt, der „Wasserklops“ von Joachim Schmettau am Breitscheidplatz oder Henry Moores Skulptur „Butterfly“, die vor dem Haus der Kulturen zumindest mit den Füßen ebenfalls im Wasser steht.

Doch Kunst im öffentlichen Raum, das umfasst sehr viel mehr. Das sind auch jene Skulpturen, die im Zusammenhang mit Neubauten entstanden sind und nicht erst später davor platziert wurden oder zentrale Plätze in der City zieren. Berlin erlebte eine Boomzeit dieser klassischen Kunst am Bau in den Neunzigern, als die Bundesregierung in die neue Hauptstadt zog und mit ihren Ministerien alles richtig machen wollte entsprechend der Maßgabe, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme für Kunst auszugeben sei. Reichstag, Bundespräsidialamt, die Abgeordnetenbauten – sie alle erhielten Kunstwerke, die sich in einem mal harmonischen, mal streitbaren Verhältnis zum Gebäude und seiner Funktion befinden.

Kunst im öffentlichen Raum soll ein Denkzeichen sein, so versteht es die Berliner Senatsverwaltung für Kultur, die in den letzten Jahren vornehmlich der Gedenkkultur den Vorrang gab und sogenannte drop sculptures vermied, die wie abgestellt herumstehen wie etwa Claes Oldenburgs „Houseball“ nahe der Friedrichstraße oder Keith Harings „Boxer“ beim Potsdamer Platz. Die öffentliche Hand bevorzugte stattdessen Monumente, die der Verfolgten durch die Nationalsozialisten gedenken wie Micha Ullmans „Bibliothek“ auf dem Bebelplatz zur Erinnerung an die Bücherverbrennung oder das Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser in der Wilhelmstraße.

Der Trend geht zum temporären Kunstwerk

Gerade zeichnet sich eine neue Entwicklung ab, der Trend geht zum temporären Kunstwerk, das wieder verschwindet, wie es München in diesem Sommer (bis 27. 7.) mit Performances im Rahmen des „Public Art Program“ praktiziert. Auch Berlin hat damit Erfahrung gemacht, bei der „Kunst im Untergrund“, die es alle zwei Jahre gibt, diesmal im U-Bahnhof Alexanderplatz (ab 27. 09.). Nun soll es überirdisch weitergehen, Start: September 2019. Als Pilotprojekt hat sich dafür der Beratungsausschuss Kunst den Hansaplatz ausgesucht. Am 12. und 26. Juli finden dort erste öffentliche Foren mit den Anwohnern statt, anschließend soll ein Wettbewerb ausgeschrieben werden.

Gut möglich, dass sich dabei der Blick auch auf eine Skulptur richtet, die seit über fünfzig Jahren unweit vom Hansaplatz ihren Stammplatz hat und zum festen Bestandteil des Areals geworden ist, ja zur Geschichte der Akademie der Künste gehört, vor der sie steht. Henry Moores „Liegende“ mit ihren geschwungenen Formen, der grünen Patina ist der Gegenpol zu den horizontalen Linien der „klaren Kiste“, wie Architekt Werner Düttmann sein Gebäude selbst einmal genannt hat.

Düttmann war es auch, der sich 1961 zusammen mit Hans Scharoun, dem damaligen Präsidenten der West-Berliner Akademie, für den Verbleib der Skulptur vor dem Gebäude stark gemacht hatte. „Reclining“, so der englische Titel der 1956 entstandenen Skulptur, war im Rahmen einer großen Moore-Ausstellung ursprünglich nur als Leihgabe an diesen Platz gekommen. Weil sich in ihr der modernistische Anspruch des Gesamtensembles nochmals spiegelt, stellte Düttmann für den Ankauf der Skulptur den verbliebenen Rest aus jener Summe zur Verfügung, den der amerikanische Industrielle und gebürtige Berliner Henry H. Reinhold für die Errichtung der Akademie gestiftet hatte, 38 000 Mark insgesamt. Die restlichen 42 000 Euro für den Ankauf gab die Lottostiftung.

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