Kunst vorm Bau (3) : Die Zwillingstürme von Dahlem

Einfach mal anschieben: Die kinetische Plastik von Henner Kuckuck auf dem FU-Campus trotzt der Schwerkraft – und das seit 1980.

Kinderhände bewegen Kolosse. Nur ein wenig anschieben und schon schwankt die Skulptur vor dem Chemie-Gebäude.
Kinderhände bewegen Kolosse. Nur ein wenig anschieben und schon schwankt die Skulptur vor dem Chemie-Gebäude.Foto: Thilo Rückeis

Der Campus der Freien Universität, so erschien es uns damals, ist eine Architekturlandschaft ohne Menschen. Was allerdings daher rührte, dass unsere Eltern immer nur am Sonntag dort mit uns spazieren gingen. Ziel- und Höhepunkt dieser Flanierrunden zwischen Rostlaube und Botanischem Garten waren dabei stets die zwei Stelen vor dem Chemie-Gebäude in der Takustraße. Die zehn Meter hohen, silbrig glänzenden Kolosse ließen sich nämlich ins Schwanken bringen – sogar von jungen Händen. Was auch immer es ermöglichte, mit so wenig Kraft so viel Masse zu bewegen, wir Kinder waren begeistert von dieser kinetischen Kunst.

Henner Kuckuck, der Schöpfer der Dahlemer Zwillingstürme, ist durchaus gerührt, dass sich jetzt, Jahrzehnte später, ein Fan seiner frühen Arbeit bei ihm meldet. In seinem Atelier in der Pohlstraße hat der mittlerweile 78-Jährige für unser Treffen Konstruktionspläne und Schwarz-Weiß-Fotos von der 1980 aufgestellten Doppelplastik bereitgelegt. Und kommt sofort ins Erzählen: Nicht 500 Bewerber, wie heute oft üblich, sondern nur zehn waren bei diesem Wettbewerb für die Skulptur im öffentlichen Raum zugelassen. „Und die Jury nahm sich richtig Zeit, um die eingereichten Entwürfe zu begutachten.“ So viel Zeit sogar, dass der ersehnte Anruf mit der „Sie haben gewonnen!“-Mitteilung am Tag der Vergabesitzung nicht kam. Sondern erst am Vormittag darauf. Den musste Henner Kuckuck dann ziemlich verkatert entgegennehmen. In der Gewissheit, das er das Rennen machen würde, hatte seine Frau eine Party angesetzt. Die sich das feierfreudige Künstlervolk durch das ausbleibende Telefonklingeln auch nicht hatte vermiesen lassen.

Großplastiken verkaufen sich nicht so leicht

„Gutes Geld habe der Auftrag damals gebracht“, erinnert sich der Künstler. Eine hochwillkommene Summe, denn wer Freiberufler ist und sich auf Großplastiken spezialisiert hat, der verkauft nicht so leicht wie einer, der „Flachware“ herstellt. So nennt Henner Kuckuck alles, was in einen Bilderrahmen passt. Das Konstruieren lag dem 1940 in Berlin geborenen und in Frankfurt Aufgewachsenen im Blut, von väterlicher Seite. Sein alter Herr war nämlich Ingenieur, und er forderte von seinem Filius, der schon mit 16 wusste, dass er Bildhauer werden wollte, sicherheitshalber erst einmal ein Architekturstudium zu absolvieren.

Den Abschluss macht Henner Kuckuck dann an der Technischen Hochschule Braunschweig allerdings nicht, sondern geht 1962 lieber nach Berlin, in die Meisterklasse von Hans Uhlmann an der Hochschule der Künste. Ein tiefes Verständnis fürs Statische aber ist ihm geblieben. Das sich bald mit der Lust daran paarte, physikalische Gesetzte zu widerlegen, mit den Mitteln der Skulptur.

Gleich nach Studienende gewinnt er den ersten Preis für eine Freiplastik, die vor der deutschen Schule in Brüssel aufgestellt werden soll. Weitere Werke kann er in Grömitz, Herdecke und Bad Soden realisieren, in Berlin bekommt er Aufträge für Kitas in Buckow und Kreuzberg und fürs Haus am Kleistpark. Aber auch in Philadelphia oder Peking stehen seine Objekte, die auf verblüffende Weise der Schwerkraft trotzen, ihrer wuchtigen Anmutung zum Trotz.

Der Berliner Bildhauer Henner Kuckuck, 78.
Der Berliner Bildhauer Henner Kuckuck, 78.Foto: Wolfgang Kunz

René Magritte war mein Hero“, sagt Henner Kuckuck, der zwischendurch auch 20 Jahre in New York gelebt hat. Die Bilder des Surrealisten, auf denen auch mal Felsen fliegen, haben ihn inspiriert zu seinen tanzenden Kolossen. „Wenn sich so ein Riesending bewegt, ist das erst einmal ein Schock. Doch dann erkennt man in seinem sanften Schwung die Harmonie, das Wunder der schwerelosen Masse.“ So wie bei seinen Dahlemer Twin Towers, die sich immer noch problemlos anschieben lassen, auch wenn der eine inzwischen beim Hin- und Herpendeln quietscht, was sich wie ein lustiges, krächzendes Kichern anhört. „Der Hausmeister des Chemie-Instituts war Alkoholiker“, erinnert sich Henner Kuckuck. „Als wir die Doppelplastik aufgestellt hatten, kam er angewankt und sagte: Bewegen die sich – oder bin ich besoffen?“

Ein merkwürdiges, dem Alltag entrücktes Gelände ist der Campus der FU auch jetzt noch, ein Ort, an dem Idylle und Zukunftsoptimismus friedlich koexistieren. „Dieses Tor ist auch tagsüber geschlossen zu halten! Wildschweingefahr!“, verkündet ein Schild am Eingang zur ehemaligen königlichen Gartenlehranstalt an der Königin-Luise-Straße, in der abzweigenden Arnimallee stehen Villen und Landhäuser, die teils privat bewohnt sind, teils als universitäre Institute genutzt werden. In Hausnummer 9 untersucht ein mathematischer Sonderforschungsbereich „Scaling cadences in complex systems“. Kurz dahinter überspannt der futuristische Komplex der Physiker die Straße, Science-Fiction-Architektur mit riesigen, knallroten Lüftungsrohren, Schnecken-Treppenhäusern aus Sichtbeton und raumschiffartigen Fensterschlitzen.

Feuerlöschübungen - wichtig für experimentierfreudige Chemiestudis

Nebenan residieren die Chemiker in einem nicht minder modernistischen Gebäude aus den späten Siebzigern. Am Fahrstuhl werden die experimentierfreudigen Studierenden auf die Feuerlöscher-Übungen hingewiesen, die vier Mal pro Monat stattfinden. Durch lange Gänge und über noppige Kunststoffböden, vorbei an knallgelb gekachelten Wänden und zweisprachig beschrifteten Mülleimern gelangt der Besucher schließlich an der Takustraße wieder ins Freie – und steht vor Henner Kuckucks Stelen. Ein Hinweis darauf, welcher Künstler das Werk geschaffen hat, fehlt hier allerdings, ebenso wie schräg gegenüber im Entree der Biologen, wo auf einem Wandfries steinerne Fische durch eine Tiefsee aus Schiefer und Granit gleiten.

Die Bäume, die auf den Fotos von 1980 noch so klein sind, dass sie Stützpfeiler brauchen, überragen mit ihren Kronen mittlerweile die beiden Silbertürme. „Ich durfte damals den ganzen Platz vor dem Institutsgebäude gestalten und habe ihn mit großen Katzenköpfen pflastern lassen, auch wenn die Studenten, die lieber eine Wiese wollten, protestierten“, erzählt Henner Kuckuck. „Immerhin war der Bordstein so hoch angelegt, dass dort keine Autos raufkamen.“

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Inzwischen nutzen die angehenden Akademiker den Platz übrigens auf hochmodische Weise: Überall auf dem Pflaster stehen individuell bepflanzte Urban-Gardening-Kisten. Wobei sich die stolzen Stadtgärtner neugierigen Passanten gegenüber weniger offen zeigen als Henner Kuckucks benutzerfreundliche Anfasskunst. Ihre Blumen und Gräser erheben sie fast schon in den Rang von Kunstobjekten, die sich durch Verbotsschilder zu schützen versuchen, auf denen zu lesen ist: „Do not touch! Finger weg!“

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