Kunsterlebnisse in Berlin : Odyssee im Lichtraum

Im Kraftwerk Berlin kann man jetzt in die faszinierenden Weiten des Web eintauchen, und Joe Ramirez lässt den Boulez Saal in goldenem Licht erstrahlen

Hans Ackermann
Joe Ramirez' Design für den Pierre Boulez Saal
Joe Ramirez' Design für den Pierre Boulez SaalFoto: Joe Ramirez

Um den riesigen Turbinenraum im Kraftwerk Berlin zu erreichen, muss man zunächst Treppen steigen. Oben strecken sich mächtige Betonsäulen dann noch einmal weitere rund zehn Meter in die Höhe. Angenehm kühl ist es hinter den dicken Mauern, aber auch stockfinster. Doch dann beginnt am virtuellen Himmel eine einzelne Lichtkugel zart violett zu leuchten. Sie bewegt sich langsam abwärts, punktgenau verfolgt von einem Laserstrahl. Weitere Kugeln zeigen sich, formen eine Linie, die zur Wellenbewegung wird und schließlich eine Schwingung erzeugt.
„Deep Web“ heißt die audiovisuelle Installation, die violette Kugel zu Beginn ist nichts anderes als ein einzelnes, erstes Datenbit. Irgendwo von irgendwem erzeugt, irrt dieses elektrische Teilchen durch die Tiefen des Netzes, wird empfangen und bekommt Antwort. Eine zweite Kugel macht sich auf den Weg. In sechs Kapiteln erzählt „Deep Web“ von den Spielarten digitaler Kommunikation. Bei ihren Live-Performances sitzen der Lichtkünstler Christopher Bauder und der Komponist Robert Henke seitlich am Rand vor Computern. Henke steuert die Klänge, die Bauders Kugellichter in perfekte Bewegungen versetzen. Synchron zu den Beats tanzen die Kugeln ein Ballett, fliegen zu sphärischen Elektrosounds wie bunte Sterne durch den Nachthimmel.

Laserkanonen lassen die mit Wasser gefüllten Kugeln magisch leuchten

Aus der Ferne betrachtet scheinen die Kugeln aus Milchglas zu bestehen. Tatsächlich sind sie aus Kunststoff und mit jeweils zwei Litern Wassern gefüllt. Die Lichtstrahlen aus zwölf farbigen Laserkanonen werden so auf ganz natürliche Weise im Inneren der Kugeln gebrochen. Und die Wasser-Schwere läßt die Kugeln majestätisch an feinen Seilen langsam auf und ab gleiten.
Zur Kunst wird die technologisch ausgereifte Leistung auch, weil hier die Phantasie ihren freien Lauf nehmen kann. Die Kugeln könnten auch Knoten im neuronalen Netz symbolisieren, Gedanken, die sich in vielfältigen Mustern durch unseren Cortex bewegen, immer mal wieder von einem Geistesblitz aus dem Laser getroffen (bis 23. August im Kraftwerk Berlin, Live-Performances am 8. und 9. August).
Gut zwei Kilometer weiter westlich startet am 2. August eine andere Klanginstallation: Immer genau dann, wenn die Sonne gerade untergegangen ist, werden bei den „Gold Projections“ im Pierre Boulez Saal zwei Scheiben auf magische Weise zu leuchten beginnen. An fünf Wochenenden vom 2. bis 31. August, immer freitags und samstags, ist das von der Natur inspirierte Projekt des Künstlers Joe Ramirez jewels bis ein Uhr nachts zu erleben.
In Handarbeit hat er hat die schweren Holzscheiben mit Schichten von Blattgold überzogen. Auf diese metallische Struktur werden dann Bilder projiziert. „Einfach die Stille genießen“, so beschreibt Boulez-Saal-Intendant Ole Bækhøj die Möglichkeit, in diesen sonst musikalisch genutzten Raum mal tonlos-meditativ zu verweilen.

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