Kunsthistoriker Martin Warnke gestorben : Die blutige Realität der Bilder

Martin Warnke schärfte den Blick für das Politische in der Kunst. Nun ist der große Bildanalytiker mit 82 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Martin Warnke
Martin WarnkeFoto: Gerda-Henkel-Stiftung

Angeblich machen Männer Geschichte. So behauptet es jedenfalls eine inzwischen etwas vergilbte Lebensweisheit, die aus dem 19. Jahrhundert stammt. Aber sind es wirklich Frauen oder Männer, die Geschichte machen, oder doch eher die Bilder, die von ihnen in Umlauf gebracht werden? Der vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos knieende Willy Brandt, Helmut Kohl und François Mitterrand händchenhaltend in Verdun oder Angela Merkel beim Selfiemachen mit Flüchtlingen – solche ikonisch gewordenen Momentaufnahmen prägten das Image von Spitzenpolitikern wahrscheinlich nachhaltiger, als alle Reden, die sie gehalten haben.

Das Vokabular erweitert

In der Kunstgeschichte, traditionell eine eher konservative Wissenschaft, spielten derlei dem alltäglichen Nachrichtenstrom entnommene Bilder lange Zeit kaum eine Rolle. Der Begriff „politische Ikonographie“ wurde erst ums Rebellionsjahr 1968 herum ins Vokabular des Faches aufgenommen. Entscheidenden Anteil daran hatte der zunächst in Marburg, dann in Hamburg lehrende Kunstwissenschaftler Martin Warnke. Ihm kam es darauf an, „die Faszination politischer Bildstrategien zu untersuchen und dieser Faszination dennoch nicht zu erliegen“. Er hatte ganz klassisch über Rubens promoviert, beschrieb das Selbstbewusstsein von Hofkünstlern wie Velázquez, der sich neben die Königstochter mit ins Bild malte, und veröffentlichte ein Standardwerk über die deutsche Kunst des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit.

Bilder als Lektion fürs Volk

Genauso sehr beschäftigte sich Warnke aber auch mit Dingen, die lange Zeit von seinem Fach links liegengelassen worden waren, mit Werbebotschaften, Presse-, Film- und Fernsehbildern oder den visuellen Welten des Internets. Wenn Gerhard Schröder auf dem SPD-Wahlplakat von 2005 die Faust ballte, dann erkannte der Bildanalytiker darin eine Schwundform jenes sozialistischen Grußes, den Revolutionäre wie Lenin oder Thälmann einst mit hochgereckter Hand vorgeführt hatten. Süffisant verwies Warnke auf die Harmlosigkeit des Slogans, der über dem kämpferischen Kanzler prangte: „Wer Gerechtigkeit will, muss das Soziale sichern.“

Kunst hatte schon immer Ideologien transportiert, spätestens, seitdem Papst Gregor I. im 6. Jahrhundert befand, dass Bilder dem Volk „vorzüglich als Lektion“ dienten. Doch im von ihm herausgegebenen „Handbuch der politischen Ikonographie“ urteilte Warnke, noch unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September, im Jahr 2011 bitter: „Die Metapher vom Bild als Waffe, lange Zeit eine hybride Selbstüberschätzung der Karikatur, wird zunehmend zur blutigen Realität“.

Scheinbar emotionsloses Stakkato

Der Forscher, 1937 als Sohn einer Pfarrersfamilie in einer brasilianischen Auswandererkolonie geboren, hatte nach seinem Studium an den West-Berliner Museen volontiert. Zu seinem pathosfreien, betont nüchternen Stil fand er nach eigenem Bekunden 1964 während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, den er als Reporter der „Stuttgarter Zeitung“ verfolgte. Das scheinbar emotionslose Stakkato seiner Berichte, die 2014 noch einmal in Buchform herauskamen, resultierte aus dem Zeitdruck bei ihrer Übermittlung per Fernschreiber in die Redaktion.

Als Mitgründer des 1995 eröffneten Hamburger Warburg-Hauses knüpfte Warnke an das interdisziplinäre Erbe von jüdischen Wissenschaftlern wie Aby Warburg, Ernst Cassirer und Ernst Panofsky an, die von den Nationalsozialisten ins Exil gezwungen worden waren. In der Tradition von Warburgs legendärem Mnemosyne-Atlas wurde dort ein visuelles Archiv zur politischen Ikonographie aufgebaut, das inzwischen mehr als 450 000 Bildkarten umfasst. Am Mittwoch ist Martin Warnke in Halle an der Saale gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.

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