Kunstmesse Brafa in Brüssel : Antikes und Aliens

Die Brüsseler Kunst- und Antiquitätenmesse Brafa feiert das Besondere jeder Epoche.

Passt perfekt. Der belgische Händler Axel Vervoordt hat ein Gespür dafür, wie man römische Antiken mit Möbeln des Mid Century und Metall-Skulpturen des Nouveau Réalisme von César arrangiert.
Passt perfekt. Der belgische Händler Axel Vervoordt hat ein Gespür dafür, wie man römische Antiken mit Möbeln des Mid Century und...Foto: Brafa/Jan Liegeois

Der Held hat gelitten. Batmans Maske für Gesicht und Schultern zeigt am Hals feine Risse, an den Achseln scheint sie nachträglich geweitet, so als habe die menschliche Fledermaus nicht genug Armfreiheit für ihre artistischen Auftritte gehabt. Dennoch kostet der schwarze Überzug 70 000 Euro am Stand der Galerie Theatrum Mundi – allein schon, weil er 1995 vom Schauspieler Val Kilmer in seiner Rolle als Batman getragen wurde.

Die Kunsthandlung aus dem italienischen Arezzo versteht sich als „Wunderkammer des 21. Jahrhunderts“, ihr Auftritt auf der Brüsseler Kunst- und Antiquitätenmesse Brafa ist als Nebeneinander kurioser Objekte inszeniert. Es warten sowjetische Raumanzüge neben einer Sonnenuhr aus dem 18. Jahrhundert im Taschenformat sowie weitere Filmkostüme etwa aus „Alien“: ein Anzug von 1975 mit der klaren Handschrift des Künstlers HR Giger für 35 000 Euro.

Kunsthändler probieren neue Strategien

Natürlich gibt es auf der Brafa auch die Kunstkammer historischen Zuschnitts, wie sie Alex van den Bossche (Porfirius Kunstkammer) seit Jahrzehnten kontinuierlich aufbaut. Mit ziselierten Silberbechern, römischen Fragmenten und fächerförmig arrangierten Korallen. Doch die Hinwendung zum cross collecting fällt auf, weil es Vorschläge für ein eklektisches, interessantes Sammeln macht. Die Konzentration auf ein Genre, seine Vervollständigung über Jahrzehnte mit wissenschaftlicher Akribie: Solche Ambitionen sind selten geworden. Die Kunsthändler reagieren darauf mit neuen Strategien.

Pionier dieser Schule ist der belgische Händler Axel Vervoordt, sein Stand zelebriert das kontrastreiche Arrangement auch diesmal. Antiken treffen auf schlichte ägyptische Gefäße – Kanopen, in denen die Eingeweide Verstorbener einst separat bestattet wurden –, Möbel des Mid Century finden sich neben einer Skulptur aus gepresstem Schrott von César, die lapidar wie ein Beistelltisch im Raum steht. Das Ergebnis betört, weil Vervoordt den Willen zur ästhetischen Gestaltung, wenn auch in unterschiedlichen Sprachen, durch alle Epochen vorführt.

Es gibt auch günstigere Objekte

Die Messe selbst unterstützt diesen Dialog mit der Einladung ihrer diesjährigen Ehrengäste. Das britische Künstlerduo Gilbert & George absolvierte zur Eröffnung nicht bloß mehrere Auftritte. Fünf seiner monumentalen, provokanten Fotomontagen hängen in den Gängen der Tour & Taxis-Halle und heben das Niveau der Gegenwartskunst an einigen Stellen enorm. Weshalb etwa in der Guy Pieters Gallery, deren Koje zu den größten der Messe zählt, jedes Jahr verlässlich die nackten Pin-ups von Mel Ramos aus Bananen kriechen oder sich auf Zigarren räkeln, bleibt ein Rätsel. Ramos, der 2018 verstarb, taucht auch an anderen Ständen auf. Und genau hier, zwischen Nachbarn mit wunderbaren antiken Skulpturen wie bei Grusenmeyer - Woliner, die auf Stammeskunst spezialisiert sind und deren kopflose Figur mit einem Kleid aus zahllosen, in Marmor getriebenen Falten begeistert, wird die Glätte solcher Pop-Art-Ausläufer offenbar.

800 000 Euro, wie sie die Kunsthändler aus Brüssel für ihre lebensgroße Römerin erwarten, sind selbst auf der Brafa mit Skulpturen um die zwei Millionen Euro (Phoenix Ancient Art) viel Geld. Doch es gibt auch Objekte für weit weniger, bei denen man sein Geld besser anlegt als in Nackte aus Kunststoff. Bestes Beispiel sind die fünf Fossilien der ausgestorbenen Haiart Megalodon am Stand von Artancient, die wie kleine Skulpturen aussehen. 4900 Euro sollte jede von ihnen kosten, und schon zur Vorbesichtigung klebten an allen rote Punkte. Die Londoner Kunsthandlung hat aber auch einen 30 Millionen Jahre alten Stein für 84 000 Euro dabei, bei dem man sich kaum vorstellen kann, dass er von selbst als Ablagerung entstanden ist. „Maker Unknown“ steht als Motto über der Koje, die solche natürlichen Phänomene mit antiken Köpfen anonymer Künstler kombiniert.

Kein Detail geht verloren

Thematische Ausstellungen sind ein anderes großes Thema der Brafa, die 133 Aussteller aus 16 Ländern mit rund 15 000 Bildern und Objekten zusammenbringt. Galerist Didier Claes zeigt 30 hölzerne Kämme aus dem Kongo, die die Schnitzkünste verschiedener Ethnien aus dem 19. Jahrhundert en miniature vorführen. Bei Florence de Voldère sind die flämischen Wimmelgemälde des 17. Jahrhunderts etwa von Pieter Bruegel d. J. derart illuminiert, dass man sie im ersten Moment für moderne Leuchtkästen hält. Kein Detail geht verloren. Bei Steinitz aus Paris fühlt sich der Besucher wie in einem Prachtsaal aus dem 18. Jahrhundert. Bloß dass sich die musealen Preziosen erwerben lassen. Genau wie beim Münchner Porzellanexperten Röbbig, der zum ersten Mal an der Messe teilnimmt.

Wer die Auktionen im vergangenen Jahr verfolgt hat, den wundert kaum das explodierende Angebot von Bildern des Op-Art-Stars Victor Vasarely. Vor wenigen Jahren galt er noch als dekorativ, nun diskutieren Händler und Besucher seine psychedelischen Muster intensiv. Alles eine Frage der Zeit – und des eigenen Geschmacks, der solchen Trends auf der Brafa durchaus vorgreifen kann.

Mehr zum Thema

Brafa Art Fair, Avenue du Port 88, Brüssel; bis 3.2. www.brafa.art

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