Kunstmesse „Liste“ in Basel : Tanz in der Luft, Blick in den Abgrund

Kleine Schwester der Art Basel. Die „Liste“ zeigt sich in ihrer 23. Ausgabe lebendig wie selten zuvor und zementiert ihren Ruf als Förder- und Entdeckermesse.

Max Glauner
Stunde der Gaukler. Eine Performance von Daniel Jacoby präsentiert die Madrider Galerie Maisterravalbuena.
Stunde der Gaukler. Eine Performance von Daniel Jacoby präsentiert die Madrider Galerie Maisterravalbuena.Foto: Liste/Daniel Spehr

Der obligate Regen kurz vor Eröffnung der „Liste“ 2018 konnte die glänzende Laune ihres Leiters Peter Bläuer nicht trüben. 1996 gründete er die kleine Schwester der Art Basel in einem selbstverwalteten Kulturhaus, der ehemaligen Warteckbrauerei, fußläufig zur Messe. Nun will Bläuer nach 23 Ausgaben die Leitung abgeben und in Rente gehen.

Unangepasst und provokativ sollte die „Liste“ sein, ein Anspruch, dem sie noch heute gerecht wird. Auch der Aufgabe, jungen Galerien – in diesem Jahr knapp über 70 – und ihren Künstlerinnen und Künstlern international Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bläuer sieht die Messe dazu gut aufgestellt, auch wenn sein Nachfolger erst im Sommer bestimmt wird. „Eine Stiftung wird dafür sorgen, dass die Kunstmesse weiterhin nicht gewinnorientiert operiert und interessanten Galerien ein niederschwelliger Zugang ermöglicht wird“, erklärt Bläuer im Gespräch.

Die Galerie Noah Klink aus der Schöneberger Kulmerstraße ist zum ersten Mal in Basel. Klink hat Gerrit Frohne-Brinkmann, Jahrgang 1990 mitgebracht, einen Schüler von Andreas Slominski, zusammen mit dem Künstlerduo Flame. Während der eine frech zwei Hintergründe in Yves-Klein-Blau mit Damien-Hirst- und Jeff-Koons-Ikonen bestückt (2018, 16 000 Euro pro Wandobjekt), bereichern Flame alias Taslima Ahmed und Manuel Gnam die originelle Koje mit tropfsteinartigen Polylactid-Skulpturen (unterschiedliche Größen, 1800 –12 000 Euro).

Politischem Gegenwind mit schrägem Humor trotzen

Die Liste ist so vielfältig und unbeschwert wie selten zuvor. Manch einer fragt da, warum Berlin dieses Jahr auf der kleineren Messe weniger präsent ist. KOW aus der Brunnenstraße hat es auf die Art Basel geschafft, zwei Kandidaten aus dem letzten Jahr haben ihr Geschäft aufgegeben – bleiben drei Galerien: neben Klink die Galerie Lars Friedrich mit einem intelligent-spröden Programm und Société mit einer Serie expressiv-figurativer Ölbilder der US-Amerikanerin Jeannette Mund (4000 – 11000 Euro).

Liegt es daran, dass die Karawane weiterzieht, aktuell mit London als Ziel? Mit sieben Galerien führt die Metropole das Ranking der „Liste“ an. Zwei Wochen vor der Eröffnung in Basel zog Dan Gunn von der Spree zurück an die Themse. „Ich brauche wieder Großstadt“, sagt er nach sechs Jahren Berlin. In Basel zeigt er kleinformatige Porträts, die die legendäre US-Performerin Vaginal Davis aus Schminkfarben gestaltet hat (1500 – 4000 Euro).

Andere harren in widrigen Verhältnissen aus und trotzen politischem Gegenwind mit schrägem Humor wie die Galerie Raster aus Warschau. Sie präsentiert unter anderem die Konzeptkünstlerin Honorata Martin, Jahrgang 1984. In „Moment“ inszeniert sie sich auf zwei Farbfotografien als polnische Ophelia (3000 Euro), im Video „Roof“ (2016) hängt sie am Zopf über den Dächern Danzigs und blickt in den Abgrund (Preis auf Anfrage).

Meist haben die Galerien Kleines im Gepäck

Versponnen und bestechend schön auch die Kleinplastiken von Vartan Avakian aus der aktuellen Serie „Composition“, die der Künstler aus Blechblasinstrumentenrohren gefertigt hat. Für 9000 Euro ist das Stück bei der Beiruter Galerie Marfa zu erstehen.

Große Formate und sperrige Medien bleiben in der Warteckbrauerei außen vor. Die schweren Keramikskulpturen des Schweizer Bildhauers Denis Savary, die entfernt an Brancusis „Kuss“ aber auch an Hockey-Schienbeinschoner erinnern, sind eine auffällige Ausnahme (12 000 Euro bei der Zürcher Galerie Bernheim). Meist haben die Galerien Kleines im Gepäck, wie die gezeichneten Austern und pastosen Stillleben der Niederländerin Wieske Wester aus Holland (Dürst Britt & Mayhew, 1500 – 8000 Euro) oder das Quintett schwarzer Malerinnen in der Londoner Galerie Arcadia Missa.

Nach dem Erfolg eines Ibrahin Mahama hört man auch hier den Ruf „Black Sells“. Doch die angebotenen Bilder wie „Envoy Bomb-like“ (2017, 6500 Euro) von Hamishi Farah, aggressiv, politisch und zugleich schön, unterlaufen jeden vordergründigen Trend. Mehr davon und man bräuchte sich um die „Liste“ als Förder- und Entdeckermesse tatsächlich keine Sorgen zu machen.

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