Kunsttipps für die nächsten 14 Tage : Malerei im Zwischengeschoss

Von Hito Steyerls neuer Lecture bis zur Vernissage im Haus am Waldsee: Kunsttipps aus dem Newsletter BERLINER-KUNST.

Birgit Rieger
Hity Steyerl, "This is the Future", Filmstill.
Hity Steyerl, "This is the Future", Filmstill.Foto: Courtesy the artist; Neuer Berliner Kunstverein, Berlin; Andrew Kreps Gallery, New York; Esther Schipper, Berlin, Hito Steyerl

Hier sind unsere Tipps von 21.11. bis 4.12.2019. Dazu Personalien, Jobs und mehr. Weitere News und Empfehlungen gibt es alle 14 Tage donnerstags im Newsletter BERLINER—KUNST: [Jetzt anmelden unter: www.tagesspiegel.de/berliner-kunst]

Lecture zu Europa, Zungen, Zwischengeschoss

Hito Steyerl, Berlins coolste Gesellschaftskritikerin, ist mit einer Einzelausstellung im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) zu Gast. Ihre assoziativen, frei flottierenden Analysen des digitalen Lebens, der Kunstwelt und der Politik sind scharfsinnig und sehr zeitgemäß. Im n.b.k. ist Steyerls Videoinstallation „This is the Future“ zu sehen, die in diesem Jahr bei der Venedig Biennale schon eines der Highlights war. Außerdem hat Steyerl eine neue Lecture entwickelt, gemeinsam mit den Künstlern Giorgi Gago Gagoshidze und Miloš Trakilović untersucht sie die Veränderungen in Europa.

Bis 26.1., Diskussionsabend, Do. 28.11., 19 Uhr, n.b.k., Chausseestr. 128-129, Mitte, Di–So 12–18 Uhr, Do 12–20 Uhr.

Lisa Herfeldts Stoffskulpturen bei Between Bridges – dem Künstler-Projektraum von Wolfgang Tilmanns – sind grandios. Eingezwängt in Plexiglaskästen, befreien sie sich trotzdem. Mehr irre Gedanken dazu liefert Oliver Koerner von Gustorf in seinem Begleittext, fast schon ein Design-Manifest (hier zu lesen). 

Es geht um Post-Minimalismus, als vermeintliches Zeichen von Geschmackssicherheit, um „folkloristische Wolldecke vor der Waschbetonwand“ oder das „Kind im Babboe-Lastenfahrrad“. Mit den Bildern der Hipster-Designhölle im Kopf sind wohl auch Herfeldts Skulpturen entstanden, die deutlich an große, schlappe Zungen erinnern, die über schnicke Wohnzimmerwände schlecken. 

Bis 14.12., Between Bridges, Keithstr. 15, Charlottenburg, Mi-Sa 12-18 Uhr. 

Lisa Herfeldt, "The The" (2019), aus der Ausstellung "social slush" im Projektraum Between Bridges
Lisa Herfeldt, "The The" (2019), aus der Ausstellung "social slush" im Projektraum Between BridgesFoto: Lisa Herfeldt

Das Haus am Waldsee eröffnet eine Ausstellung von Johanna Diehl. Die 1977 in Hamburg geborene Architekturfotografin zeigt Gebäude, in denen sich Geschichte und Gegenwart überlagern, etwa Synagogen, die zu Sporthallen und Kinos umgewidmet wurden. In ihrer neuen Serie schöpft Diehl, die mit documenta-Gründer Arnold Bode verwandt ist, auch aus dem Bildarchiv ihrer eigenen Familie. Sie spürt unter anderem dem Schicksal ihres Vaters nach, der im Alter von 39 Jahren Selbstmord beging. Die Nichtkommunikation in den ersten Jahrzehnten nach 1945 ist eines ihrer Themen. 

Fr 29.11., bis 23.2., Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Dahlem, Di-So 11-18 Uhr.

Der kleine, langgetreckte Ausstellungsraum von Stefanie Sprinz und Juan Pablo Larraín in einem Zwischengeschoss an der Potsdamer Straße heißt stadium. Die beiden Macher haben ein Faible für Malerei und Künstler, die noch nicht jeder kennt. In der kommenden Ausstellung zeigen sie Gemälde der an der Leipziger Hochschule u.a. bei Neo Rauch ausgebildeten Katharina Schilling. Die an Mittelalter-Motiven geschulten Bilder von Pferden und Lilien sind objekthaft, sinnlich und absolut im Hier und Jetzt. 

Eröffnung, Sa 30.11., 18-21 Uhr, bis 18.1., stadium, Potsdamer Straße 70, Schöneberg.

Wer kommt, wer geht? Personalwechsel im Kunstbereich

Im Kreuzberger Kunstverein Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) ist die Stelle des/der Geschäftsführer*in zu vergeben. Die Ausschreibung gibt es hier. Und was macht Lilian Engelmann, die den Job in den letzten fünf Jahren gewupt hat? 
„Lilian Engelmann wird als Nachfolgerin von Ingrid Wagner ab 1.2.2020 die Stelle der Referentin für Bildende Kunst und Literatur in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa besetzen“, heißt es aus der NGBK. Ein wichtiger Posten, gerade wenn es darum geht, sinnvolle Förderinstrumente für die vielen Künstler*innen in der Stadt zu finden.

Auch im anderen großen Kunstverein der Stadt, dem n.b.k., ist jetzt ganz frisch die Stelle von Kathrin Becker ausgeschrieben. Genauer: ab 1. Februar 2020 wird ein/e Leiter*in des n.b.k. Video-Forums und Geschäftsführer*in gesucht. Mehr Infos hier.

 Ateliers und andere Gelegenheiten 

Im Rahmen des Arbeitsraumprogramms der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wird die Prenzlauer Promenade zu einem „Produktionsstandort für Künstlerinnen und Künstler“ entwickelt. Bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten können ab jetzt und bis zum 30. September 2020 (Baubeginn) Teilflächen für Zwischennutzungen bei der Gesellschaft für StadtEntwicklung gGmbH (GSE) angemietet werden.
Angeboten werden 36 Räume mit einer Größe von rund 20 m2 für 5,00 €/m2 (pro Monat/bruttowarm). Der Nachteil: Es ist eine klassische Zwischennutzung, darum werden ausschließlich befristete Mietverträge abgeschlossen. Mail an info@gseggmbh.com.

Gesucht: ein Name fürs Museum der Moderne

Neulich bei der Infoveranstaltung zum nun beschlossenen „Museum des 20. Jahrhunderts“, auch „Museum der Moderne“ genannt, regte ein Zuhörer im Publikum an, über den „langweiligen“ Namen für das Haus nochmal nachzudenken. Und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, gibt zu: „Die Namensfindung für ein neues Museum ist einer der schwierigsten Prozesse.“ Wo das Problem liegt, zeigt sich schon an den existierenden Namen der Berliner Häuser: Alte Nationalgalerie, Neue Nationalgalerie, Altes Museum, Neues Museum. So kann es nicht weitergehen.

Man müsste mal jenseits von neu und alt nachdenken. Vielleicht in Richtung „Louvre“ (benannt nach dem „Louvre-Palast“, in dem das Pariser Museum untergebracht ist). Oder „Prado“ (heißt übersetzt einfach „Wiese“). Oder zumindest eine schicke Abkürzung wie MoMA oder LACMA. Das V&A Museum in London (benannt nach Queen Victoria und Prinz Albert) hat im Moment das Problem, das es einen 2017 neu geschaffenen Vorplatz nach dem Geldgeber, der Industriellenfamilie Sackler, benannt hat. Sackler wiederum steht im Moment in der Kritik, weil sie ihr Geld mit süchtigmachenden Medikamenten verdienen. Da regt sich viel Protest. Erst neulich organisierte die New Yorker Künstlerin Nan Goldin einen „Die-in“ auf dem Sackler Platz.

Es birgt also ein gewisses Risiko, Museen nach Personen zu benennen. Man weiß nie. Und es reicht ja schon, wenn entfernte Verwandte Mist bauen. MG Museum (benannt nach der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die das geplante Berliner Museum sehr unterstützt hat) oder PMM (nach den Sammlern Pietzsch, Marx und Marzona, die Berlin ihre Kunst für das neue Haus überlassen) sind also leider zu riskant. Den Namen „The Shed“ (der Schuppen), der gut zur geplanten Architektur von Herzog & De Meuron passen würde, hat uns ein 2019 eröffnetes Museum in New York gerade weggeschnappt. „Berlin Modern“, „Kulturforum Jetzt“ oder „Neben der Philharmonie“ wäre noch frei. Aber das ist es sicher auch noch nicht. Hilfe! Hat jemand eine Idee? Vorschläge gerne per Mail an berliner-kunst@tagesspiegel.de.

Lesetipps

Der Landesverband Berliner Galerien hat sich unter Galerist*innen umgehört und in einer Studie gefragt, wie die Geschäfte laufen. Unter dem Titel „Der Galerist – eine aussterbende Spezies? Kunstmarkt Berlin – Standortbedingungen und Perspektiven“ werden die Ergebnisse der Umfrage am Dienstag 26.11. beim 5. Hauptstadtkulturgespräch präsentiert und diskutiert (Anmeldung hier). Wir haben schon vor einiger Zeit beim Landesverband nach den Ergebnissen gefragt. Und uns bei Berliner Galerist*innen umgehört. Wie die Welt hinter dem Glamour aussieht, steht hier.

Hinterm Glamour ist auch das: Der Maler Markus Lüpertz rennt seinen verschwundenen Bildern in China hinterher. Und Heinz Mack, einer der Zero-Gründer und für viele ein Vorbild in Sachen Integrität, soll vor Jahren bei einem Brand zerstörte Werke aus seiner eigenen Sammlung, etwa von Arman, eigenhändig „restauriert“ und dann verkauft haben. Manche nennen das Fälschung. Carsten Probst hat bei Deutschlandradio Kultur darüber berichtet.


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