Kunsttipps für Zuhause : Ein Bildband erzählt von Wandmalerei in der DDR

Die Häuser sind in Zeiten der Coronakrise geschlossen. Es gibt andere Wege Kunst zu genießen: zum Beispiel eine neue Publikation der Akademie der Künste.

Melancholische Schönheit. Der Bilderkeller in der Akademie der Künste.
Melancholische Schönheit. Der Bilderkeller in der Akademie der Künste.Foto: Andreas Franz/Xaver Süß

Als vor zwei Jahren zur Berlin Art Week die Akademie der Künste am Pariser Platz ihre Kellerräume für Besucher öffnete, war die Überraschung groß. Dort unten befanden sich Wandmalereien von fünf Akademie-Meisterschülern aus den Jahren 1957/58, von denen die wenigsten wussten. Immer nur 20 Personen durften mit einer Führung hinein und staunten über die Faschingsmalerei von Ernst Schroeder, Harald Metzkes, Manfred Böttcher, Werner Stötzer und Horst Zickelbein, die hinter den Kohlevorräten der Akademie die letzten 60 Jahre fast unbeschadet überstanden hatten.

In gewisser Weise passt die profane Nachgeschichte zur wiederentdeckten Kunst, denn die jungen Maler hinterließen „schwarze Bilder“ im Untergrund der Akademie. Ihre Männer mit Hut, die aufgereihten Krüge und Kelche, die tanzenden Grazien sind vornehmlich in Schwarz gemalt. Das lag an einem mit schwarzem Farbpulver gefüllten Fässchen, das ihnen zur Verfügung stand, aber auch internationalen künstlerischen Tendenzen der damaligen Zeit. Sie knüpften an die Malerei eines Pierre Soulages und Bernard Buffet, Picassos finsteres „Guernica“, Robert Motherwells schwarze Zeichensetzungen an und behaupteten damit eine Freiheit gegenüber den ästhetischen Vorgaben des Staates, mit dem sie schnell aneinandergerieten.

Angela Lammert, die Leiterin interdisziplinärer Sonderprojekte an der Akademie, hat nun zusammen mit Carolin Schönemann eine Publikation herausgegeben, in der die Entstehungsgeschichte der Wandmalerei im Kohlenkeller erzählt wird, wer die Künstler waren, in welchem Kontext ihre Bilder zu sehen sind und inwiefern sie unseren Blick auf die Kunst in der DDR ändern könnten (Akademie der Künste, Berlin, 208 S., 15 €). Das reich bebilderte Buch mit Aufnahmen kurz nach der Entdeckung der verborgenen Werke 1989 und nach der sorgfältigen Restaurierung versammelt darüber hinaus Aufsätze zur Geschichte des Akademiegebäudes, von dem neben dem Kohlenkeller rudimentär nur noch Ausstellungsräume und Ateliers erhalten sind. Vor allem ordnet der Band diese ungewöhnliche Faschingsmalerei ein. Die Künstler trafen sich dort unten im Keller, um zu feiern; die mit schneller Hand an die Wand gepinselten Flaschen verraten, wo ihre improvisierte Bar damals stand. Das Kolorit traf eine Stimmung, die Künstler in Ost und West teilten. Sie ist melancholisch, die Motive aber sind heiter: Figuren fliegen durch die Luft, eine Dogge und ein röhrender Hirsch treten auf, Strichmännchen haben Aufstellung bezogen, die A.R. Pencks späteres Personal vorwegnehmen. Als die Maler mit ihren Motiven drei Jahre später in einer Ausstellung an die Öffentlichkeit traten, hagelte es Kritik, eine Pressekampagne begann – gegen das Depressive, das Abseitige.

Für die Akademie der Künste ist die Wiederentdeckung der Malerei ein Anlass, auch ihre eigene Position in den damaligen Auseinandersetzungen zu reflektieren. Die Publikation „Bilderkeller. Wandmalerei im Keller der Akademie der Künste am Brandenburger Tor“ liefert die perfekte Vorbereitung für einen Besuch, wenn die Einschränkungen durch Corona wieder aufgehoben sind. Denn Führungen soll es weiterhin geben. Die Entdeckung bleibt erhalten, die Ausstellung in den Katakomben am Pariser Platz ist glücklicherweise dauerhaft.

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