Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

JAZZ

Grenzen

verschieben

Dass Jazzpianisten ein gnädiges Instrument als Lebensaufgabe haben, stellt sich oft erst im Alter heraus. Wenn der Körper an Kraft verliert und eine sublimere Art der Weltbetrachtung nahelegt, bleibt der große, schwarze Flügel ein machtvoller Sprachraum. So weiß sich auch der 69-jährige McCoy Tyner lautstark zu artikulieren, als er mit seinem Trio zu vorgerückter Stunde die leere, weite Bühne der Philharmonie betritt, sich setzt und umstandslos die ersten, nur hingestreuten Akkorde spielt. Schon in diesem Beginn ist die Dynamik zur aufwallenden Eruption angelegt, für die der langjährige Coltrane-Begleiter berühmt ist. Schlagzeuger Eric Kamau Gravatt schleift den Beat über Becken und Trommeln, treibt seine Begleiter mit Snare-Schlägen vor die Tür, um sie gleich wieder zurückzuprügeln. Doch zur Ekstase kommt es nicht. Zunächst, weil Tyner mit Ellingtons „In A Mellow Tone“ ein braves, konventionelles Stück brav herunterspielt. Aber dann auch, weil er eben nicht mehr der Alte ist. Die wuchtigen Blockakkorde, mit denen Tyner zu einer Art George Forman des Heavy-Weight-Jazz avancierte, sind zu locker aus dem Gelenk geschüttelten Handkantenschlägen geschrumpft. Erst gegen Ende des Konzerts fängt die Band den wilden Geist ein. Tyner geht dazu über, repetitive Riffs freizulegen, die ihren eigenen mystischen Sog entfalten. Und plötzlich ist auch nicht mehr so wichtig, dass der Pianist selten eine Melodie so spielt, dass man sie wiederhören will. Da ist er plötzlich, der vor Vitalität strotzende Tyner-Klang, der sich in rhythmischen Endlosschleifen austobt und Grenzen, wenn auch nicht sprengt, so doch verschiebt.

KLASSIK

Gut, dass wir

darüber geredet haben

Sie sind spät dran mit der Eröffnung ihrer Berliner Saison, die Künstler von Spectrum Concerts . Sie hatten nämlich noch in New York zu tun. Nach 19 erfolgreichen Jahren in der deutschen Hauptstadt wagte der Spectrum-Concerts-Gründer Frank Dodge den Sprung in die Staaten, mietete für zwei Abende die Carnegie Hall. First we take Berlin, then we take Manhattan. Grund genug für seine heimatliche Fangemeinde, stolz zu sein – und geduldig. Am Donnerstag nun traf im Kammermusiksaal Mozart auf Stanley Walden. Eine schmeichelhafte Konfrontation für den 1932 in Brooklyn geborenen, langjährigen HdK- Musicalprofessor und Komponisten, bei der er sich mit seinem Horntrio, den „Maquettes“ für zwei Klaviere sowie „Five Similes“ für Piano solo bewährte. Walden hat einen ansprechenden Personalstil entwickelt, den man vielleicht als Blue- Note-Moderne bezeichnen könnte. Sinnenfrohe, vollgriffige, virtuose Musik ist das, zumeist rhythmisch kraftvoll zupackend, dann wieder jazzig-impressionistisch. Ehrliche Seelenklänge für Interpreten mit weitem ästhetischen Horizont wie die Pianisten Robert Levin und Ya- Fei Chuang, die Geigerin Julia-Maria Kretz oder den Hornisten Bernhard Krug.

Janine Jansen und Maxim Rysanow zeigten zu Beginn mit Mozarts Duo für Violine und Viola, wie ideale Kommunikation zwischen gleichberechtigten Partnern funktioniert: Bei einem so sensibel wie sinnlich geführten Dialog ist man nur zu gerne Ohrenzeuge. Im Hornquintett KV 407 sorgte Jens Peter Maintz für ein angenehm markantes Cello-Fundament, im Klavierquartett KV 493 war es dann noch einmal der wunderbare Robert Levin mit seiner fein differenzierenden Anschlagstechnik, der die Fäden zusammenhielt. Frederik Hanssen

KLASSIK

Freeclimbing

im Tongebirge

Die Götter müssen entrückt sein. Und auch die Menschen sind verdammt allein. Musik von einem verlassenen Planeten erklingt an diesem Abend im Konzerthaus . So wie Christine Schäfer zwischen den schockstarren, apokalyptisch kakofonischen Klangmodulen von Aribert Reimann traumwandelt, so irrlichtert auch manche versprengte Streicher-Kantilene durch die schroffe Gebirgslandschaft von Bruckners Fünfter.

Michael Gielen konstruiert felsige Architekturen mit der Staatskapelle Berlin . Im Liedzyklus „Finite Inifinity“ (1996) nach Gedichten von Emily Dickinson, die Reimann eigens für seine Schülerin komponierte, wird Christine Schäfer zur Freeclimberin, die in schwindelerregenden Soli von Tod, Trauma und Trauer kündet, zu Beginn wie am Ende des Werks. Dazwischen durchmisst die Sopranistin mit übermäßigen Intervallen und in extremen Tonhöhen das prekäre Schreckenspanorama – und setzt doch seelenruhig ihre Schritte. Andernfalls drohte der Absturz. Ruhe bewahrt auch Gielen bei Bruckners über 80-minütiger Sinfonie. Der 79-Jährige Dirigent nimmt sich Zeit, sehr viel Zeit. Sein Taktschlag: ein Bannstrahl. Schon in den fahlen Eingangstakten drosselt er das Tempo auf Tiefschlafpuls, verwandelt das Adagio in ein überdimensioniertes Ritardando, riskiert zum Zerreißen gedehnte Binnenspannungen und lässt die gestauchten Minuten sich im Scherzo wieder entfalten. Jede Schlusswendung kostet er aus bis zur Neige, als sei’s das letzte Mal, dass Töne verklingen. Ein zeitlupenreiner Bruckner. Und weil Gielen so glasklar konterkariert und wuchtige Klangflächen wie Grafiken konturiert, verliert man auch im monumentalen Finalsatz nie die Orientierung. Atemberaubend, wie eingangs die Klarinette schrillt und die Oboe ihre zerklüfteten Septimen aus dem Adagio dagegensetzt: Gesang, zu Stein erstarrt. Christiane Peitz

OPER

Verlorene Söhne,

vergessliche Väter

Zum Schluss kommt es bittersüß: „Kennst du das?“, singt da der Vater. „Schön ist es gewesen ...“ Und die beiden Söhne stimmen ein in das Terzett, das sich erinnerungsselig noch einige Male um sich dreht, bevor – kein Vorhang fällt. Den gibt es nämlich nicht in der Neuköllner Oper , dazu wäre die Studiobühne auch zu klein. Was den beachtlichen Vorteil hat, dass man den Akteuren hier extrem nahe kommt. Man sitzt in trauter Runde beisammen und findet am Ende über Plüschpuppen und unbezahlte Rechnungen seinen Weg hinaus. Das neueste Werk Niemandsland des Theatergründers und Komponisten Winfried Radeke ist ein Familiendramolett mit Gesangseinlagen (wieder am 4., 7., 10., 11. sowie vom 15. bis 17. März). Im Familienhotel muss Georg (Alexander Mildner) seinem Vater (Eckhart Strehle) beim allmählichen Alzheimern zuschauen. Zu ihnen stößt der verloren geglaubte Sohn Sebastian. Während Georg das beschränkte Leben des Vaters nachstapfte, flatterte Sebastian auf Mutters Ambitionen in fremde Welten. Seine Melodik erinnert vage an Hugo Wolfs verletzte Expressivität, doch mehr noch an Carl Orffs Tragödien-Bestattungen. Mit Weill’schem Arbeiterliedertrotz antwortet ihm Georg. Das Problem dieser vorgeblichen Kammeroper ist: Ungefiltert legt sie den Akteuren die Gedanken ihrer Autoren in den Mund, und die Musik hat meist nichts dazu zu sagen. Emotionen werden durch sie nicht nachvollziehbarer, keine Stimmung mag sich länger, deutlicher aussingen. Matthias Nikolaidis

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