Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Subversion

mit Zahnlücke

„Wir sind die Sterne aus Hamburg.“ Lachen. Das muss Frank Spilker in der Volksbühne freilich keinem erklären. Nach dem Auftritt der Berliner Kissogram, die nicht zu erkennen geben, welche Haltung hinter ihrem düsteren Elektropop mit platten Phrasen steht, strahlen die reifen Herren von Die Sterne geradezu jugendliche Frische aus, in ihrer netten, vollkommen uneitlen Art. Sie haben schon vor 15 Jahren gezeigt, wie man subversiv mit Zitaten spielt, ohne den eigenen Standpunkt zu verbergen. „Wann haben wir uns zum letzten Mal gesehen?“, fragt Spilker das Publikum. „1995“, ruft einer. Der Sänger grinst. „Du gehst nicht so oft auf Konzerte, oder?“ Einem entspannten Treffen alter Freunde gleicht dieses Sonderkonzert ohne Tourstress, einer Feier gemeinsamer Erinnerungen. Alte Hits wie „Widerschein“ und „Universal Tellerwäscher“ rufen beglückten Jubel hervor, spätestens mit „Trrrmmer“, der Jugendhymne vom ’96er Album „Posen“, wird der Abend zur Tanzveranstaltung. Auch die neueren Stücke stoßen auf Wohlwollen. „Im Wesentlichen Nichts Neues“, erst zum zweiten Mal live gespielt, schimpft auf müde Großstadtzyniker: „Du bist zu bequem / Wenn du nicht so verstockt wärst, würdest du aus deinem Wissen viel mehr Wesentliches ziehen.“ Um die Sterne muss man sich keine Sorgen machen.

KLASSIK

Taktgeber sind

auch Akrobaten

Es stimmt schon, dass Haydns frühe Symphonien den damaligen Ouvertüren nahestehen. Einspielstücke sind sie deswegen noch lange nicht. Gastdirigent Heinrich Schiff und das Konzerthausorchester geben mit ihrer harmlos netten Interpretation von Haydns Symphonie Nummer 17 deutlich zu verstehen, dass die entscheidenden Momente des Abends noch bevorstehen. Marie Luise Neunecker wäre die Frau, die diese Erwartungen erfüllen könnte: Die Hornistin, Professorin an der Hanns-Eisler-Hochschule, steht gleich zwei Mal als Solistin auf dem Podium des Konzerthaus es. Doch die Virtuosin wirkt verhalten. Sowohl in Oliver Knussens als auch in Mozarts Hornkonzert (das anspruchsvolle in Es-Dur KV 417) lässt sie ihren samtweichen lyrischen Ton berückend mit dem Orchesterklang verschmelzen, verschwindet bisweilen aber auch in ihm. Nun wäre es Sache des Orchesters, diese Stimmung spontan aufzunehmen, die vielen kleinen Gesprächsangebote im Flüsterton zurückzugeben. Doch zwischen Klangkörper und Solistin steht der redlich dirigierende Heinrich Schiff und wacht über die Einhaltung der sorgsam einstudierten Interpretation. Wieder einmal fällt es Strawinskys Dauerbrenner „Der Feuervogel“ zu, Musiker und Publikum zu erlösen: Wenn auch der Reigen der Prinzessinnen noch etwas sinnlicher und mit weniger ernsthaften Gesichtern musiziert werden könnte, so brennt beim Flug des Vogels doch die Luft. Und beim Einsatz zu König Kastscheis Höllentanz verleiht Schiff mit einem beherzten Luftsprung dem Konzertabend sogar etwas gänzlich Unerwartetes. Carsten Niemann

ARCHITEKTUR

Freiheit hat

ihren Preis

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Berlin das Wohnen revolutioniert. Funktionale Grundrisse, Wohnen im Grünen und Gemeinschaftseinrichtungen kennzeichneten die gebauten Siedlungsvisionen von Bruno Taut oder Hans Scharoun, die heute nicht mehr dem architektonischen Leitbild entsprechen, aber auf dem Sprung zum Weltkulturerbe stehen. Die Gegenwart erweist sich nach dem Ende des sozialen Wohnungsbaus weit pragmatischer – und vermarktungsorientierter. Noch immer spielt das Thema Wohnen eine wichtige Rolle in der Architektur der Stadt, das zeigen die 25 Beispiele der letzten Jahre, die die BDA Galerie jetzt vorstellt (Mommsenstr. 64, bis 12. März, Mo, Mi, Do 10–15 Uhr) . Wurden bis in die siebziger Jahre ganze Stadtbereiche mit Siedlungen beplant, sind heute kleinteilige Stadtreparaturen gefragt. Befreites Wohnen mit flexiblen Grundrissen gehört für die meisten vorgestellten Projekte zum Standardprogramm. Zugleich zeigt sich im frei finanzierten Wohnungsbau aber auch eine neue Lust an der Repräsentation, nicht nur mit Stadtvillen in Mitte. Das Ergebnis: anspruchsvolle Architektur für Besserverdienende. Die Vielfalt der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird man mit diesen ambitionierten Wohnwelten der Innenstadt langfristig wohl kaum abbilden. Spätestens wenn der langen Talfahrt des Berliner Immobilienmarktes steigende Preise und höhere Mieten folgen, birgt diese Entwicklung das Potenzial für eine erhebliche soziale Schieflage. Jürgen Tietz

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