Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

VARIETÉ

Der Schaum

der Jahre

Angenommen, unser Leben bestünde nur aus wiederkehrenden Remakes reizender Gags, wie ein Varieté: Das bietet keine neuen Nummern, sie müssen aber frisch daherkommen. Angenommen, auch die Leitung eines Entertainment-Betriebes funktionierte nach demselben Travestie- Prinzip: Dann passt im Chamäleon alles. Die brandneue Direktion behauptet mit dickem PR-Bohei, das Metier neu zu erfinden, aber ihr changierendes Reptil bleibt sich selber treu. Ein sympathisches junges Akrobaten-Ensemble zeigt im heimeligen Patina-Saal gut gelernte Kunststückchen und verliert die hanebüchene Rahmenstory schnell aus den Augen: So war das eigentlich immer seit der Gründung des urigen Ost-Tingeltangels bald nach der Wende. Diesmal heißt das von Markus Pabst und Maximilian Rambaek inszenierte Programm Soap (Hackesche Höfe, bis 19. August, Di–Fr 20, Sa 19 u. 22, So 19 Uhr) . Die Künstler räkeln sich in und über schaumlosen Badewannen, sie jonglieren, schaukeln am Trapez. Eine Sängerin variiert „Pack die Badehose ein“ à la Mozart, Rimsky-Korsakoff, Schönberg. Eine eifersüchtige Triolen-Balgerei gipfelt in verschmitzter Erotik. Die Kontorsionistin singt ins Duschkopf-Micro Leanders Playback „Ich steh im Regen“ und kriegt prompt den Schwall in die Kehle. Das ist komisch und Ihnen bestimmt auch schon passiert.

KLASSIK

Ausweitung

der Kuschelzone

Es störe ihn, dass Mahlers Sinfonien oft nur unter ideologischen Gesichtspunkten interpretiert würden, sagt Daniel Barenboim. Warum man sie nicht einfach erst mal als Musik spiele? Bis zum Mahler- Spektakel von Barenboims Staatskapelle ist es noch einen Monat hin, Wassili Sinaisky und das Rundfunk-Sinfonieorchester zeigen in der Philharmonie schon mal, wie ideologiefreier Mahler klingt. Weltschmerz, Apokalypse und Geheimniskrämerei ade – und aus der Fünften wird ein rundes, kerngesundes Stück Musik. Schon im Trauermarsch sorgen die behutsam ausgeweiteten Kuschelzonen der Streicher für Nestwärme, das berühmte Adagietto ist ein schwärmerischer Liebesbrief, und in der Fugato-Passage des Finales wird übermütig Fangen gespielt. Selbst die von Mahler vorgeschriebene „stürmische Bewegtheit“ und „größte Vehemenz“ deutet Sinaisky als kraftstrotzendes Muskelspiel: Donnerwetter, tadellos. Dafür, dass diese unverkrampfte Mahler- Sicht nicht in Leerlauf mündet, sorgt das RSB selbst: Mit schlackenlosem, leuchtkräftigem Streichersound der Spitzenklasse und beseelten Bläsersoli zeigt das Orchester, dass sich der Anspruch einer Mahler-Sinfonie allein mit Musikalität erfüllen lässt. Sollte Barenboim recht haben? Jörg Königsdorf

KLASSIK

Das Funkeln

der Rhythmen

Als der Dirigent zum Taktstock greift, hat das Konzert die Pause schon überschritten. Es geht nun darum, in der zweiten von Claude Debussys „Trois Nocturnes“ die Rhythmen wirbeln und funkeln zu lassen, „Fêtes“, Feste, zu feiern, animé et très rhythmé . Die Musik blitzt. Das ist die eine Seite dieses großen französischen Programms in der Philharmonie unter dem vitalen französischen Altmeister Georges Prêtre. Die andere ist jene weiche Zauberwelt, die Debussy mit Gabriel Fauré teilt. Dessen Requiem wächst bei Prêtre über die Qualität einer eleganten Bagatelle hinaus. Unter seinen sprechenden Händen schmiegen sich die instrumentalen Stimmen des Deutschen Symphonie-Orchesters den vokalen des Rundfunkchors an, so dass ein sanftes Licht leuchtet. Ein Requiem ohne Jüngstes Gericht: Chor und Orchester befolgen kunstvoll die dynamischen Nuancen einer Interpretation, die dem Maestro Herzenssache ist. Die Einsätze, die er gibt, sind Einladungen. Auch für die jungen Solisten Olesya Golovneva (Sopran) mit zartem „Pie Jesu“ und Klemens Sander (Tenor) mit einer raren Attacke im „Libera me“. Reiche Orchesterfarben schimmern in Ravels „Daphnis et Chloé“, einem Gipfel des impressionistischen Stils. Prêtre gehört zu den Dirigenten, deren Körpersprache auffordert, Musik auch zu sehen, seine Gestaltung nähert sich bildender Kunst an. Sybill Mahlke

POP

Ich bin mein

eigener König

Quasimodo, 22 Uhr. Jubel. Der 54-jährige Neuseeländer Tim Finn , in weißem Hemd und schwarzer Hose, mit grau melierten Wellenhaaren und Akustikgitarre singt hintereinander: „It’s Only Natural“ von Crowded House aus dem Jahre 1991, „Poor Boy“ von Split Enz aus dem Jahre 1980 und „Couldn’t Be Done“ vom neuen Soloalbum „Imaginary Kingdom“. Und hat damit seine 35-jährige Musikerlaufbahn einmal grob angerissen. Seine Jahre als Sänger der Split Enz, seine Zeit Anfang der Neunziger bei Crowded House, der Gruppe seines Bruders Neil, und einer langen Solokarriere bis heute. Finn lacht. 14 Jahre seien vergangen seit seinem letzten Konzert in Berlin, und nach Kopenhagen gestern sei dies heute erst die zweite Station der Europatournee. Man merkt es. Ein Jetlag? Die Nervosität, Finns kleine, müde Augen. Begleitet wird er von einem Trommler, einem Keyboarder, einem zurückhaltend bis furiosen Gitarristen, einer coolen Bassistin. Eine gute Formation, der noch der gemeinsame Sound fehlt, die kompakte Eingespieltheit. Richtig gut wird es, wenn die Band etwas zu rocken bekommt. Die Split-Enz-Nummern beweisen zeitlose Qualität: „Dirty Creature“, „Six Months In A Leaky Boat“, das herausragende „Shark Attack“. H.P. Daniels

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