Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Hinter den

Türen

Früher einmal, erzählt Ali Kaaf, türmte er dicke Farbschichten zu bunten Bildern. Mit dem genauen Gegenteil bestreitet der 1977 geborene, in Syrien aufgewachsene und an der Berliner Universität der Künste bei Marwan und Rebecca Horn ausgebildete Künstler seine erste deutsche Einzelausstellung: „Schwarz“ betitelt Kaaf eine Auswahl seiner Papier- und Fotoarbeiten im Haus am Lützowplatz und spielt ein suggestives Spiel mit dieser (Nicht-)Farbe des Unbewussten, Verschleierten, Verborgenen (Lützowplatz 9, bis 15. März., Di-So 11-18 Uhr).

Ali Kaaf bevorzugt einfache, zügig aufs Papier geworfene Bildzeichen. So ergibt eine Reihe länglich-schwarzer Ovale sechs Variationen über den menschlichen Kopf. Verstörend: Auf den zweiten Blick sieht man, dass der Künstler Löcher in die „Porträts“ gebrannt hat. Dahinter wird eine zweite Papierschicht sichtbar: mattes Rabenschwarz. Noch radikaler wirkt die Ausbrenn-Ästhetik, wo Kaaf sie auf Dias anwendet, die ihn selbst zeigen. Blendend weiße Löcher klaffen mitten in Fotoabzügen („Brandspur I und II“) oder in Videoserien, die solche gesichtslosen Porträts aneinanderreihen.

Kaaf lebt in Berlin und Beirut, in seine Kunst scheint sich die Gewalt im Nahen Osten eingebrannt zu haben. Tröstung könnten seine groß dimensionierten Bleistiftzeichnungen auf schwarzem Papier bieten. Der Reihentitel „Mihrab“ spielt auf jene Nische in Moscheen an, die stets nach Mekka zeigt. Die virtuelle Tür zum „Allerheiligsten“ verschließt der Künstler allerdings auch, mit schwarzen Teilübermalungen. Leicht dringt man nicht in Ali Kaafs rätselvolle Bildwelten ein. Man braucht Zeit und die Bereitschaft zur Meditation.

ARCHITEKTUR

Mitten im

Aufwind

Züngelnd schiebt sich Rauch unter der runden Scheibe voran, bis in den durchsichtigen Turm im Zentrum der Anlage. Was im Modell des Ingenieurbüros Schlaich, Bergermann und Partner simuliert wird, ist das Prinzip eines Aufwindkraftwerks: Unter einem riesigen Kollektorendach wird Sonnenlicht in Wärmestrahlung umgewandelt und strebt anschließend in eine zentrale Kaminröhre, in der Generatoren den warmen Luftstrom in Energie verwandeln.

Mit spielerischer Anschaulichkeit führt diese High-Tech-Version einer Dampfmaschine die Besucher in die Ausstellung „leicht weit“ ein, die in den neuen Räumen der Ingenieur Kunst Galerie einen Überblick über Projekte des Büros präsentiert (Burgstraße 27, bis 25. März, Katalog Prestel Verlag 40 €). Einen ersten Prototyp des Aufwindkraftwerks gibt es seit 1982 in Spanien. Doch nun soll eine 200-Megawatt-Anlage in Australien folgen, um auf umweltfreundliche Art Strom zu erzeugen. Entsprechend den Aufgaben des weltweit agierenden Stuttgarter Büros ist die Ausstellung in einzelne Blöcke gegliedert, von Türmen über Brücken bis zu Dächern aus Glas und Membranen. Einführende Tafeln machen auch den Architektur-Laien mit den konstruktiven Voraussetzungen der Bauten vertraut.

Und ein kleines Faltblatt lädt dazu ein, sich nach dem Ausstellungsbesuch die Berliner Projekte von Schlaich und Bergermann anzuschauen: vom Glasdach des Hauptbahnhofs, diesem bis in die letzte Scheibe individuell berechneten Vorhaben, über die Havelbrücke in Spandau – auch dies ein Lehrstück in Sachen Durchsetzung gegen die Bahn – bis zum Flusspferdhaus im Zoo. Der zumindest ist ein pflegeleichter Bauherr. Jürgen Tietz

KUNST

Auf dem

Dienstweg

Auf den ersten Blick fallen die Stelen im Innenhof des Gasag-Hauptgebäudes gar nicht auf, so sehr hat Künstler Moritz Wiedemann seine „Guesthouses“ der gelbgrauen Fassade angepasst. Eine ästhetische Verweigerung, offen allerdings für eine unerwartete Klientel: Fledermäuse. Nachts können sie ihren Weg in die Einflugschlitze finden, den Augen der Mitarbeiter verborgen wie das Gas, das hier verwaltet wird.

Die Sammlung Kunst im Bau ist damit komplett. Fünf Jahre lang ließ die Gasag in Zusammenarbeit mit der Kunstfabrik am Flutgraben 42 Künstler das Innere des früheren Shell-Hauses von Emil Fahrenkamp gestalten (Reichpietschufer 60, Tiergarten, nächste Führung am 11. April, 18 Uhr, Anmeldung unter Telefon 030/7872 1021). Das Bürogebäude, ein Ort, in dem im Gegensatz zum Museum alles seinen festen Platz hat und jeder Raum durch Dienstwege definiert ist, bildet einen dankbaren Hintergrund für künstlerische Interventionen. Manches bleibt dekorativ, wie das Mobile von Henrik Schrat, für das jeder Mitarbeiter ein Piktogramm aus einem Katalog wählen durfte. Hufeisen, Engel, Delfine und Flammen tänzeln über fünf Stockwerke im Haupttreppenhaus.

Viele Künstler setzten sich allerdings auf spannende Weise mit der Architektur auseinander und ebenso mit der Flüchtigkeit und Unsichtbarkeit des Rohstoffes Gas. So Carsten Eggers, der über Lautsprecher einen virtuellen Tischtennisball durchs Treppenhaus hüpfen lässt. Stephan Kurr fordert die Mitarbeiter auf besonders witzige Weise heraus: Alle drei Monate liegt ein neuer Teil seiner Grafik „Take Away“ als Unterlage auf den Tabletts der Caféteria. Die Gäste nehmen durch Zeichnungen und Notizen Einfluss auf den jeweils nächsten Teil und können nach drei Jahren „ihren Kurr“ im Wohnzimmer aufhängen. Kolja Reichert

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