Kultur : KURZ & KRITISCH

Esther Kogelboom

POP

Gelenkige Männer

mit Seidentuch

Es war nur eine kurze Renaissance des Seidentuchs: Dan Gillespie Sells, der Sänger von The Feeling , beklagte sich gleich am Anfang eines umwerfenden Konzertes im Columbiaclub darüber, dass ihm nach der Tour durch England die gebügelten Hemden ausgegangen seien. Stattdessen habe er sich eben jenes Seidentuch ausgeliehen, um in Berlin die angemessene Form zu wahren. Als er es kurze Zeit später ablegte, verkündete er, haltlos betrunken zu sein. Es folgte eine süße Pop-Oper auf die nächste. „Fill my little world“, „Love it when you call“, „Sewn“; alles aus dem einzigen und einzigartigen Album „Twelve Stops and Home“.Wie gut muss diese Band, deren atemberaubend gelenkige Mitglieder aus Sussex und London stammen, erst sein, wenn sie nur Apfelschorle trinkt? Ach nein, dann wäre sie eindeutig weniger Queen und mehr Münchener Freiheit. Und das wäre schade. Das zweite Album soll bald folgen. Perfekt, denn das Konzert war so nett, dass es deutlich länger hätte sein können. Mehr!

LITERATUR

Berlin, bleiche

Stiefmutter

„Lustvoll okkupiere ich alle Orte und keinen. Wie irgendein jüngerer, dreister Gott. Ich wechsle die Masken. Und habe Zeit.“ Könnte es bessere Vorsätze geben, um eine fremde Stadt zu erkunden? Wer sich als Leser ebenso vorbehaltlos dem feinen Sensorium des tschechischen Lyrikers Petr Borkovec anvertraut, wird durch seine Notate Amselfassade (aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier, Friedenauer Presse, Berlin, 32 Seiten, 9,50 €) eine neue, überraschende Sicht auf Berlin gewinnen.

Borkovec, Jahrgang 1970, veröffentlichte zuletzt den hochgelobten Gedichtband „Feldarbeit“ (Edition Korrespondenzen, Wien). 2004/2005 verbrachte er auf Einladung des DAAD in Berlin und schrieb bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal Prosa, die wie alle seine Gedichte von Christa Rothmeier ins Deutsche übertragen wurde. Borkovec’ Aperçus aus dem alten, ein wenig dahindämmernden Westen der Stadt sind wie die titelgebende Amsel luftige Zufallsgäste.

Wenige Details genügen ihm, um winterliche Stimmungsbilder unter einer „riesigen Portion grauen Himmels“ zu evozieren oder oft bedrohliche bis morbide Stillleben zu erschaffen. Mit Fug und Recht stellt sich Petr Borkovec mit seinen luftig-einprägsamen Skizzen in die Tradition großer russischer Flaneure wie des Neoklassizisten Vladislav Chodasevic. Er nannte Berlin „die Stiefmutter russischer Städte“. Katrin Hillgruber

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