Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W er

POP

Zarter

Dreitageflaum

Wenn man morgens heiser geschrieen ist und Nackenschmerzen hat, muss irgendwas beim Konzert am Vorabend richtig gelaufen sein. Jamie T. , die neue Popsensation aus London, hat alles richtig gemacht. Hat mit dem Mudd Club eine kleine Location gebucht, die in ausverkaufter Vorfreude vibriert. Vor allem hat er sich einen Dreck darum geschert, dass die verschachtelten Klöppelbeats seines Debütalbums „Panic Prevention“ live kaum reproduzierbar sind, sondern einfach vier Freunde zur Begleitband, den Pacemakers, erklärt. Die setzen den Songwriter-Ska-Breakbeat-Bastard der Platte kurzerhand in scheppernd-stolpernden Garagenpunk um. So muss sich Jamie T. nicht mit unsinnlicher Sampler- Technik herumschlagen, sondern kann sich, von seinen Kumpels liebevoll durch die sperrigen Songs gelotst, ganz auf seine Performance konzentrieren.

Und die ist umwerfend: Der 21-Jährige, auf dessen Oberlippe über den hübsch schiefen Zähnen zarter Dreitageflaum wächst, hat eine hypnotische Ausstrahlung. Ob er seine wüsten Storyteller- Breitseiten mit nölig-virtuoser Atemlosigkeit ins Mikro spuckt, die mit vier Saiten bespannte E-Gitarre malträtiert oder bei gutgelaunten Kurzmonologen, ein Whiskyglas in der Hand, seinen schrägen, an den jungen Sean Penn erinnernden Piratencharme verbreitet – man kann den Blick kaum lösen von dem bleichen Bürschlein. In knapp einer Stunde jagen Jamie T. und seine Jungs durch ein mit potenziellen Hits wie „Operation“, „Ike & Tina“, „Alicia Quays“ oder „Salvador“ gespicktes Repertoire, als Zugabe gibt’s eine fein skeletierte Soloversion von Billy Braggs „A New England“ und mit Band zum zweiten Mal „Calm Down Dearest“, jetzt in abgedrehtem Höllentempo. Dazu viel Heiserkeit und Nackenschmerzen gratis.

KLASSIK

Grimmige

Untertöne

Der Sänger schluchzt. Wegen der „Tränen“ im Lied. Denn seine Liebste ist eine reiche Braut“, sie heiratet einen anderen. Der grimmige Unterton, mit dem er ihr „Gute Nacht“ sagt, lässt Böses ahnen. Es ist wie der Abschied Wozzecks vor dem Mord an Marie. Jens Larsen hat sich mit der Fagottistin Catherine Maguire und dem selbstlos am Drama beteiligten Pianisten Thorsten Kaldewei zusammengetan, um die „Winterreise“ szenisch zu interpretieren. Solche Experimente mit den Schubertzyklen sind erprobt, von Marthaler oder Uwe Eric Laufenberg. Larsens Sicht ist eine der einfachsten und bittersten. Sie wird im Foyer der Komischen Oper präsentiert, und der Raum ist erwartungsggemäß viel zu klein für den erfolgreichen Bühnenstar. Wesensgemäß weist sein Papageno in der Neuenfels-Inszenierung, der die liedhaften Arien mit unerhörten Affektwechseln versieht, auf die aggressiven, traurigen Töne dieser „Winterreise“ hin.

Als starkes Melodieinstrument schafft das Fagott dem Sänger Konkurrenz, wenn es sich führend in den Klavierpart einmischt. Das Posthorn imitiert die Musikerin, in Weiß als Geliebte, in Schwarz als Tod, schon in unheimlicher Färbung. Die Aktion – der Sänger legt sich auf eine Pritsche, um zu merken, „wie müd’ ich bin“ – bringt Unruhe in die Musik. Die naive Unruhe indes mischt sich mit tiefem Fatalismus, das verlorene Glück des Winterreisenden mit Zorn. Ausdruck geht vor Schönklang. Aber es ist kaum möglich, von der Interpretation nicht gepackt zu werden. Sybill Mahlke

POP

Kokettes

Tänzchen

Das Kesselhaus ist proppenvoll. Puckern aus den Lautsprecherboxen. Ein Mann mit Cowboyhut gürtet einen Rickenbacker-Bass, ein anderer besteigt die Keyboard-Kanzel, einer setzt sich ans Schlagzeug. Rechts ein Gitarrist. Links ein Glatzkopf mit spiegelnder Sonnenbrille, Schnauzbart. Tiefgehängte Gibson Explorer. Der schwer gefürchtete künstliche 80er-Jahre-Synthie-Sound wird von den Gitarren niedergerockt. Dazwischen wuselt Kim Wilde , die mit 46 noch hübscher wirkt als vor 26 Jahren. Ein paar neue Songs und jede Menge alter Hits. Und schon hat sie mit mädchenhaftem Charme die letzten Zweifler um den Finger gewickelt.

Nette Popsongs, riffige Rocker, Balladen in Nebel und Wind, der das goldblonde Strubbelhaar zaust. Hymnen zum Mitsingen: „oh-oh-oh-oh“. Schnelle Achtel. Kokettes Tänzchen. Und wenn sie mit ihrer etwas schrillen Stimme auch nicht immer genau den Ton trifft, dann trifft Kim Wilde doch immer noch die fröhliche Stimmung der Fans. Der Schnauzbart-Explorer-Gitarrist ist Kims Bruder Ricky, Bassist Nick Beggs war früher bei „Kajagoogoo“ („Too Shy Shy“). Und die Backgroundsängerin ist Kims Schwester Roxanne. Sie singen „Enjoy The Silence“ von Depeche Mode. Gute Version. Nenas „Anyplace Anywhere Anyhow“ lässt das gesamte Auditoriom beben, hüpfen, wabern. Überraschend vergnügliches Comeback. H.P. Daniels

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