Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

KABARETT

Der liebe Gott

spielt Pingpong

Bitte fühlen Sie sich unsicher. Willkommen bei „Fremd“ auf der Probebühne des Berliner Ensembles . In Österreich. Der schmächtige Wortspiel-Philosoph in Grau trägt ein schmallippiges Narzissten-Lächeln. Alfred Dorfer, bekannt aus Josef Haders Kino-Komödie „Indien“, zwingt Sie, dem Kosmos zu misstrauen. „Keine klare Geschichte, umgekehrte Schlüsse, verdrehte Chronologie“, beschreibt er sich selbst. Seine Seniorenband haut schrille Rock-Miniaturen dazwischen. Der Bassist provoziert mit valentinesker Welterklärung („A Loch is net nix, a Loch is was net“), Paranoiker Alfred mit Weisheits-Splittern.

Lichtwechsel. Themenstakkato. Fotos aus der Allerweltsgeschichte. Selbsterfindungscollagen. Dorfer sitzt als Kind mit drei anderen Egos auf dem Klo und hört „Casta Diva“. Er schleimt als „Zwischenmensch“ Psycho-Vokabeln: „Wahnsinnig schön, wenn man sich in der Gruppe öffnen kann.“ Er gibt den Nabelshow-Künstler: „Ich bin dein erster Blick auf alles“ – das Saxofon singt dazu. Er ist der verlogene Rationalist und erklärt uns: dass wir wie Pandabären nur fressen, uns nicht mehr vermehren. Dass Gott schnell genug sei, mit sich selbst Pingpong zu spielen (wer kriegt den ersten Punkt?). Dass beim Erfolg der Männer nicht Erreichtes zählt, sondern das Erzählte reicht. Nur der Tod stifte Identität.

Das Ungefähre sei die geistige Heimat des Österreichers: sagt der Kabarettist. Das Prädikat „sicher“ könne man eigentlich nicht steigern. „Das Leben gibt ka Zugab“ singen Dorfer & Co. (ab sofort im BKA, bis 25.3. jeweils Fr, Sa und So um 20 Uhr)

KUNST

Die Amazone

zückt den Pfeil

Der 7. Juni 1905 war ein großer Schritt für die Moderne: Kirchner, Bleyl, Heckel und Schmidt-Rottluff gründeten die Künstlergruppe „Brücke“. An acht kurze, aber nachhaltige „Brücke“-Jahre erinnern im Berliner Brücke-Museum Briefkopf-Signets, Einladungskarten, Jahresberichte und Ausweise für passive Mitglieder – durchweg aufwendig gestaltete Dokumente der Brücke als Jubiläumsschau zum 40. Geburtstag des Hauses (Bussardsteig 9, bis 10. 6., Mi–Mo 11–17 Uhr, Katalog 27 Euro).

„Unbeeinflusst durch die heutigen Strömungen, Kubismus, Futurismus usw., kämpft sie für eine menschliche Kultur, die der Boden einer wirklichen Kunst ist“, schrieb Kirchner 1913 in einer eigenmächtigen „Chronik der Brücke“, die den Anlass zur Auflösung der Vereinigung gab. Zerwürfnisse hatte es auch zuvor gegeben. So trat Pechstein 1912 aus, weil er sich vereinnahmt fühlte. Auf seinem Plakat für eine gemeinsame Ausstellung zückt eine kampflustige Amazone Pfeil und Bogen (Lithografie, 1910). Vor allem die kostspieligen Wanderausstellungen der Gruppe konnten dank Jahresgaben an die „Freunde und Förderer“ finanziert werden. Solche Originalgrafiken nehmen breiten Raum in der Ausstellung ein. Zu Recht, denn: Wo hört das Dokument auf, wo fängt die Kunst an? Aber warum hängt das Brücke-Museum einen Appendix lieblos sortierter Gemälde hintendran? Kirchners kleines Ölbild von 1913, auf dem Heckel und Mueller Schach spielen, hätte in die Dokumentenreihe integriert werden können. Die eher beliebige Auswahl reicht bis 1922 und sagt über die „Brücke“-Kernjahre wenig aus. Jens Hinrichsen

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