Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Kalaschnikows

zu Stromgitarren

Es klingelt. Draußen stehen sieben Männer und eine Frau, die Körper in schwere Gewänder gehüllt. Aus ihrer Mitte tritt ein schwarzlockiger Mann: „Mein Name ist Ibrahim Ag Alhabib, wir kommen aus der Sahara-Wüste in Mali. Seit 25 Jahren kämpfen wir für die Freiheit der Tuareg und haben 1992 nach einem Friedensabkommen unsere Kalaschnikows gegen Stromgitarren eingetauscht. Wir haben schon mit Roger Plant und Carlos Santana auf der Bühne gestanden, nennen uns Tinariwen („Wüsten“) und wollen nun unser drittes Album ,Aman Iman‘ (Wasser ist Leben) vorstellen.“

Und jetzt die Tür nicht zuschlagen! Denn das Konzert dieser Band ist großartig. Sie verkörpert den Freiheitskampf der Tuareg-Rebellen nicht bloß als Pose, sondern real (Ibrahim kann 19 Schussnarben vorweisen – zehn mehr als Gangster-Rapper 50 Cent). Dabei tönt sie weder brachial noch kriegerisch. Sehnsuchtsvoll und mit besonderer Sensibilität für Klangteppiche als kunstvolles Gewirr kleinster Veränderungen reflektieren Tinariwen im Kesselhaus ihre Roots. Angetrieben von der mächtigen DjembeTrommel, mit Gitarren, die elektrische Stürme aus kraftvollen Blues-Riffs und dunkel rollende Basslinien von den Saiten reißen, dazu Triller der BackgroundSängerin und tranceartige Wechselgesänge – das erinnert an Ali Farka Touré, den König des Mali-Blues, und die RockPsychedelia von Grateful Dead. Und ist stets um dieses feine Klingeln bemüht, das entsteht, wenn mehrere Gitarren unisono spielen, bis sich eine Art spirituelle Erfahrung einstellt. Hypnotisch. Magisch.

FILM

Mauern

und Himmel

In der letzten Einstellung sind sie erstmals nicht mehr im Bild: die Mauern. Mirit (Naama Schendar) und Smadar (Smadar Sayar) sitzen auf dem Motorroller, hinter ihnen – endlich – Himmel. Die beiden 18-jährigen Mädchen leisten in Jerusalem ihren Militärdienst ab – und zuvor sind immer Mauern um sie, in der Kaserne, den Wohnungen, den engen Gassen Jerusalems, im ihnen zugewiesenen Sektor. Dort müssen sie Pässe von Arabern kontrollieren, sollen aber erst einmal lernen, wie Araber aussehen. Mit ihrer Vorgesetzten mustern sie im Linienbus die Fahrgäste mit kaltem Blick, als seien die bloß Ungeziefer.

Szenen von solch plakativ-aufklärerischer Wucht sind allerdings selten. Die Jerusalemer Regisseurinnen Dalia Hager und Vidi Bilu laden Close to Home (OmU im fsk und in den Hackeschen Höfen) konzentrieren sich auf die Coming-of-AgeStory. Pflichtbewusst erfüllt Mirit ihre Aufgaben, Smadar begehrt trotzig auf. Auf Streife kommen sich die beiden näher. Pappig-süß ist diese Geschichte einer Freundschaft inszeniert; so eng wie in den Straßen Jerusalems geht es auch in den Köpfen der Mädchen zu. Alles dreht sich um Freundschaft, Liebe, Eltern und Konsum. Doch eines Tages können die Soldatinnen eine brutale Auseinandersetzung zwischen Juden und einem Araber nicht verhindern, die sich ausgerechnet an der Anwesenheit der Mädchen selber entzündet. Und auf einmal ist die Jugend vorbei. Sebastian Gierke

KLASSIK

Ausarbeiten und

Ausdirigieren

Aus seinem Echo wächst das Werk. Also vernehmen wir ein „Vorecho“, genauer: die Uraufführung einer erweiterten Fassung jenes „Vorechos“, das den Schatten eines abendfüllenden Bühnenwerks in die Philharmonie wirft. So kündigt sich „Hölderlin“ von Peter Ruzicka an. 2008 soll die „Expedition“ (Untertitel) nach einem Libretto von Peter Mussbach an der Berliner Staatsoper ins Licht treten. Was jetzt davon erklingt, während das Deutsche Symphonie-Orchester dem Komponisten am Pult mit hohem Engagement folgt, sind „Acht Ansätze“. Ausdirigierte Stille, ein immaterieller Klang – und man tritt in eine Welt Ruzickas ein, die Wanderungen zwischen den Dichtern Celan, Hofmannsthal, Bachmann und Handke einschließt. Fragmentarisches, Sich-Verlieren: „Ansätze“ – das scheue Wort steht für das Kontrastprogramm zu dem agilen Orchester- und Festspielintendanten Ruzicka. Charakteristisch ist – in der Rolle der Streicher wie der Pauke – das Ausgearbeitete und zugleich Flüchtige dieser Musik. Versteht sich, dass „Hölderlin“ keine klingende Biografie sein wird.

Wenn Ivo Pogorelich heute das zweite Klavierkonzert von Rachmaninoff spielt, verbietet sich das Bild vom gehobenen Salonton. Die vollgriffige Kraft der einleitenden Akkorde, die Kunst des stählern dominierenden Anschlags, die Unabhängigkeit der Hände in der Dynamik dieses Virtuosen sind Zeichen eines ordnenden Verstandes. Darin trifft er sich mit Ruzicka, der hingebungsvoll begleitet. Und das DSO fühlt sich von ihm auch bei Brahms motiviert. Sybill Mahlke

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