Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Himmel

voller Flöten

„O so eine Flöte ist mehr als Gold und Kronen wert“ – diese Einschätzung, die auf der Mozartbühne von fünf Personen gesungen wird, vertreten heute Tausendschaften. Noch nie war der Kammermusiksaal so brummend voll wie bei diesem Konzert, das ein mit Gesprächen, Messe und Workshops gefülltes Flöten Festival Berlin beschloss. Seine Emanzipation verdankt das Instrument den Anregungen der Avantgarde im 20. Jahrhundert wie der befügelten Alten Musik in dieser Zeit. Emmanuel Pahud , Soloflötist der Berliner Philharmoniker, spricht aus, welche Fürsorge „Flötisten aus aller Welt“ in diesen Berliner Tagen erfahren durften: Er meint die kollegiale Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Flöte, die ihren Platz unter den internationalen Flötengesellschaften hat und Namen wie Gerhard Hammig, Aurèle Nicolet, Jean- Pierre Rampal und Karlheinz Zoeller unter ihren Ehrenmitgliedern vereint. Ihre Zeitschrift, die vierteljährlich erscheint, heißt „Flöte aktuell“. Pahud hat sich für das Programm mit philharmonischen Kollegen zusammengetan, um Flöte und Altflöte bei Bach, Villa-Lobos und Rihm zu beleuchten.

Wer aber hätte gedacht, dass Schönbergs Kammersymphonie Opus 9 den Sieg davontragen würde! Auf die Bearbeitung von Anton Webern verwenden Pahud und Partner Wenzel Fuchs (Klarinette), Guy Braunstein (Violine), Olaf Maninger (Cello) und Kim Barbier (Klavier) ihre größte interpretatorische Intensität. Und wir befinden uns in einem Hexenkessel der Begeisterung.

ROCK

Sternschnuppe

am Firmament

Die Vorgruppe ist ein Kontrastprogramm: Bevor Cursive im Lido losbrettern, darf Olafur Arnalds in Begleitung eines Streichquartetts schöne, tiefromantische Kammermusik vorstellen. Der junge Isländer wirkt dabei derart verschüchtert, dass man sich als Erziehungsberechtigter Sorgen machen müsste und aufmunternden Applaus spendet, damit wenigstens die 20 Stunden Anreise nicht umsonst waren. Cursive sind da von anderem Kaliber. Sie spielen virtuosen, von abrupten Tempo- und Dynamikwechseln zerfurchten Heavy-Rock, der an verblichene Indie-Größen wie Helmet oder Fugazi erinnert, von Bandleader Tim Kasher um eine melodiöse Komponente bereichert. Der ist neben Conor Oberst die schillerndste Figur der umtriebigen Musikszene von Omaha, Nebraska, und ein grenzenlos leidenschaftlicher Sänger.

Oft schreit er am Rand der Heiserkeit, dann moduliert er mit verblüffender Sensibilität die harmonischen Verästelungen im grindigen Klangdickicht der Cursive- Songs. Kasher hat den lässigen, leicht destruktiven Sexappeal des späten Jim Morrison, durch ihn wird ein Haufen brillanter Musiker mit mäßiger Ausstrahlung zur mitreißenden Rockband. Nach einer knappen Stunde und dem orkanartig tobenden „Dorothy At 40“ ist die Energie verbraucht. Ein Aufglühen am Rock-Firmament, gleißend und schön wie eine Sternschnuppe. Jörg Wunder

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