Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Mächtig

was los

Da muss also erst der Däne Thomas Dausgaard kommen, um uns zu zeigen, was ein echter „Egmont“ ist. Mit dem Schwedischen Kammerorchester spielt er im Konzerthaus Beethovens „Egmont“-Ouvertüre. Ständig ist was los, und Zeit für Pathos hat man auch nicht: Die selbstbewusste Herbheit der Eingangsschläge! Die erlebnisreiche, smart gezügelte Steigerung bis zum Ins-Licht-Treten des ganzen Orchesters, endlich, beim herabkraxelnden Hauptthema! Wie gern hätte man noch mehr starke Musik von diesem starken, souveränen Orchester gehört. Danach aber zieht der Geiger Renaud Capuçon die Aufmerksamkeit auf sich, mit einem glanzvollen, leicht aufgepumpten Ton: Bruchs 1. Violinkonzert. Abermals säbelt das Orchester so herrlich kraftvoll in den ersten Satz hinein, wartet im Finale mit besten Fiedel- und Ziganeweisen auf. Capuçon gibt den jungen Helden, der die Spielpausen geschlossenen Auges abwartet und Schmelz mit großem Spannungsaufwand herstellt. Dvoráks Sechste danach wirkt fast ein wenig dickbauchig. Wie leicht dieses Orchester Kraft und Leben aus dem Ärmel schüttelt, zeigt erst wieder das schön-schiefe Scherzo, der gern hergeschenkte Strauß von Zugaben.

KABARETT

Alles

steht still

Wahrscheinlich sind Sie Andreas Rebers – hochgewachsen, aschblond, sympathisch direkt – schon begegnet. Ein normaler Zwangsneurotiker. Im Autobahnstau vertreibt er Ihnen als mobiler Musikant die Zeit mit „Schwäb’scher Eisenbahn“. Auf der Bühne der Wühlmäuse feiert sein stotternd-schräges Akkordeon-Couplet „Hoppela“ die Große Koalition. In der Scherzfabrik beaufsichtigt er Trockenpointen: „Hihi, das war ein Witz, wann kommt der Lacher. Vielleicht beim Kabelbrand im Herzschrittmacher.“ Als Lodenträger empfängt er näselnde Führerkommuniques vom Obersalzberg. Seine Welt ist „Ziemlich dicht“. Hier passt alles zusammen. Er beobachtet Claudia Roth bei der Meditation im ausgehöhlten Zierkürbis. Bestellt beim TV-Shop ein Messerset für asiatische Erlebnisküche im Worlwidewok mit Milchschäumer gratis. Er durchschaut bulgarische Fahrer, die unter kroatischer Flagge Biofleisch aus Vechta zum Schockgefrieren nach Sibirien und ins EU-Land expedieren. Er kennt uns Konsumenten als Allesfresser: Mensch und Schwein unterscheidet das Design. Er weiß, dass Bin Laden getarnt in Oberammergau lebt und wirkt trotzdem nicht verbittert. Er ist eigentlich der beste Spötter auf deutschen Brettln; seine letzten Programme freilich waren klaustrophobischer. „Jeder will weg, aber alles steht still,“ singt er in der Entertainment-Gummizelle. Ein netter Kerl wie Sie und ich. (15./16.3., 20 Uhr). Thomas Lackmann

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