Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Zurücklehnen

und genießen

Klavierspielen hat viel mit Metamorphose zu tun. Fast jeder Pianist verwandelt sich, sobald er das schwere Gerät berührt. Manche kommen wie gejagt auf die Bühne, manche wie versteinert, erst am Flügel sind sie erlöst. Radu Lupu , einer von den Steinernen, entspannt sich vollkommen, als er sich auf seinem Stuhl zurücklehnt. Es wird einem ganz behaglich zumute. Dem Pianisten auch, und das ist an diesem Abend im Kammermusiksaal das Problem. Die durchtrieben leichte, frühe A-Dur-Sonate von Franz Schubert verliert in Pedalnebeln ihre Konturen. Die metrischen Freiheiten wirken so, wie wenn sich einer am Tisch das Glas zurechtschiebt, um bequemer zu tafeln. Natürlich hört man, dass da nicht irgendwer spielt. Lupu, Jahrgang 1945, wurde als Klangzauberer berühmt, seine Töne haben eine unverwechselbare Essenz und Konsistenz, eine weiche, aber nicht aufgeweichte Farbigkeit, und manchmal scheint er über die Tasten hinaus in den Flügel zu greifen, um etwas anderes, Dunkleres, Mineralisches herauszuholen. Oder er rührt uns an mit einer schlichten leuchtenden Melodie in Brahms’ Balladen. Doch echte, aus der Struktur kommende Kontraste sind selten, und Beethovens gefährlich ironische Es-Dur-Sonate 31/1 wirkt wie narkotisiert. Am nächsten kommt dieser Somnambule den Traumfarben Debussys. Im Prélude „Bruyéres“ hebt sich aus dem Pastell des „Heidekrauts“ eine Linie wie ein lebendes Halbrelief und wird zur Stimme. So könnte eine Nymphe singen, die gerade in einen Baum verwandelt wird. In dieser Metamorphose ist Radu Lupu ganz bei sich. Und bei uns.

POP

Schütteln

und schreien

Seit Großkonzerte verstärkt zu Events werden, bei denen es in erster Linie ums Dabeisein und Mitschreien geht, wird es immer schwerer, die Qualität eines Auftritts an den Publikumsreaktionen abzulesen. Zum Konzert der Kalifornier Incubus ist die Columbiahalle voll tanzender, kreischender Jungs und Mädchen. Incubus wurden einst als Nachfolger der Crossover-Götter Faith No More gehandelt, auch wegen der starken Stimme Brandon Boyds, die allerdings nie an den Wahnsinn eines Mike Patton heranrührte. Die Experimentierfreude der Anfangsjahre ist verloren, das letzte Album „Light Grenades“ präsentierte einen Aufguss alter Ideen, Frickelrock ohne Wut und Abgründe. Auch auf der Bühne hat die Band an Kraft verloren. Der Sound ist gut, das Spiel routiniert, und dennoch ist es vor allem das Publikum, das Spannung erzeugt.

Wie es um Incubus steht, verdeutlicht folgende Szene: Brandon Boyd hat auch mal eine Gitarre umgeschnallt (Jubel). Nicht um sich auf ihr virtuos auszutoben, sondern um damit zum Verstärker zu gehen und eine Rückkopplungsorgie zu starten (Jubel). Aber es kommt keine Rückkopplung. Boyd schüttelt und schlägt sein Instrument, aber der Verstärker will nicht anfangen zu schreien (trotzdem Jubel). Die Band besorgt dem Song das Finale, während der Sänger wirkt wie ein Junge, der keinen hochgekriegt hat. Mit „Megalomaniac“, der letzten großen Hymne der Band, wird die Menge noch einmal in kollektives Springen versetzt. Ein schöner Abschluss. Aber etwas fehlt: Rock. Kolja Reichert

KUNST

Kommentieren,

karikieren

„Heute werde ich reden, weil mein Herz heute sehr müde ist. (Gestern gab’s ’ne große Party)“, schreibt Auce Biele im Begleittext. Sie lässt ihre bittersüßen Gemälde in Rosa und Tiefblau auf Baumwollstoff sprechen. Eine in Pop-Art.Manier ästhetisierte Schöne mit sterngezackten Wimpern sticht heraus: Sie hat ihre Brustwarze mit einem Strohhalm angezapft und trinkt aus dem eigenen Busen. Eine schönes Bild für eine Künstlergeneration, die frei sind wie keine zuvor. Die westliche Welt kam nach dem Fall des eisernen Vorhangs auch in Lettland an. Für Riga-Review in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstr. 25, bis 22. 4., tägl. 12–18.30 Uhr) zeigen 13 Kunststudenten aus Riga ihre Werke im Rahmen von Crosskick , einem Austauschprogramm europäischer Akademien zu Gast in deutscher Kunstvereinen.

Poppig ist der Gesamteindruck, bunt und verspielt vor allem die Malerei von Anette Melece, deren Comics die Konsumgesellschaft karikieren. Direkter sind die Fotografien von Linane Dobraja. Auf Titelfotos des fiktiven Magazins „BENZ!N“ zeigt sie Menschen, die der „verlogenen Welt der Werbung“ erlegen sind. Und stellt doch klar: „Ich genieße Werbung genauso, wie es mir Spaß macht, mich über sie lustig zu machen.“ Den Kunststudenten gelingt es, die Segnungen des Kapitalismus kritisch-humorvoll zu kommentieren. Eine erfrischende Perspektive. Tobias Haberkorn

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