Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Damit das Licht

nicht ausgeht

Im Zeitalter der Energiesparlampe laufen selbst bei Osram keine Glühbirnen mehr vom Band. Damit die Lichter nicht ganz ausgehen, sucht Berlin, einst als Elektropolis gerühmt, neue Wege für sein elektroindustrielles Erbe. Ein dabei vorbildliches Unternehmen ist die Bewag, inzwischen Vattenfall, die für ihre Industriebaudenkmale des 20. Jahrhunderts neue Nutzungen findet. Aus Abspannwerken und Kraftwerkshallen werden, ökologisch korrekt, Büros, Clubs, Ausstellungsorte. Die Charlottenburger Werkbund-Galerie stellt nun vier Vattenfall-Projekte für Berlin vor (Goethestraße 13, bis 20. 4., Katalog 15 Euro).

Drei Berliner Architekturbüros lud das Unternehmen 2004 ein, den Umbau von Hans Heinrich Müllers Abspannwerk Wilhelmsruh in ein IT-Center zu planen. Max Dudler erhielt den Zuschlag. Im vergangenen Jahr konnte Müllers Abspannwerk Scharnhorst am Nordhafen von 1928 als Vattenfall-Vertriebszentrum eingeweiht werden. Architekten dort: die MüllerExperten Petra und Paul Kahlfeldt. Dass die Beschäftigung mit der Tradition auch Neubauten aufhilft, beweist Max Dudler mit den für Vattenfall geplanten Büro- und Wohnhöfen in der Zimmerstraße. Die roten Backsteinkuben repräsentieren beste Berliner Industriebauästhetik. Nur das vierte Projekt, Jan Kleihues’ Hotel Maritim in der Stauffenbergstraße, fällt aus dem Rahmen. Zwar nimmt es mit edlem Travertin die Fassadengestaltung des benachbarten Shellhauses auf. Doch auf dem Grundstück stand zuvor ein denkmalwürdiger Bewag-Verwaltungsbau von Paul Baumgarten, der dafür abgerissen wurde.

KUNST

Der Fette

aus Dingsda

Premiere im Titania-Palast, Juli 1957: Der Vorhang öffnet sich für eine verspielt-bürgerliche Operettenkulisse mit Bilderbuchvilla. Wenige Monate nach diesem „Vetter aus Dingsda“ lästern die Stachelschweine dann über Ludwig Erhard: „Der Fette aus Dingsda“. Wieder stammt das Ambiente zum Programm von Werner-Viktor Toeffling , einem Tausendsassa in der Berliner Theaterszene der fünfziger und sechziger Jahre. „Berlin tritt aus seinem Schatten“ ist die Toeffling-Retrospektive überschrieben, die den halbvergessenen Bühnenbildner und Stadtbildmaler würdigt. 100 Szenenbild- und Kostümentwürfe, zehn Bühnenmodelle, 30 Gemälde: der erste Stock im Ephraim-Palais wird zur Bühne eines liebevoll-üppig inszenierten Lebenswerks (Poststraße 16, bis 10.6., Di.–So. 10–18, Mi. 12–20 Uhr, Katalog 12,50 Euro).

Toeffling wird 1912 in Berlin geboren, stirbt hier 2001 – und nimmt doch immer wieder reißaus. Des Insulanerdaseins in der geteilten Stadt überdrüssig, lässt er sich von 1968 bis 1975 als Chefbühnenbildner am Stadttheater Hildesheim engagieren. Sein Meisterstück dort: die Szene zu Brechts „Dreigroschenoper“. Berlin bleibt seine heimliche Liebe und die Stadtbildmalerei seine Leidenschaft – noch 1993 skizziert Toeffling eine erträumte Magistrale vom Brandenburger Tor bis zum rekonstruierten Schloss. Ein Extra-Kabinett würdigt seine souverän gemalten und gezeichneten Stadtansichten der unmittelbaren Nachkriegszeit. Je stärker West-Berlin isoliert wird, desto häufiger bannt Toeffling die Lebensadern ins Bild: Bahngelände, Brücken- und Hafenanlagen. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Hörner

ausrollen

„Die Leute fragen immer das Gleiche“, erklärt die Hornistin Sarah Willis. „Die Kinder wollen wissen, wie lang so ein Horn ist, wenn man es ausrollt. Die Erwachsenen fragen: Was kostet das? Und kann man davon leben?“ Die Kinder in der Philharmonie bekommen die Frage nach dem ausgerollten Horn sofort beantwortet – mithilfe eines Gartenschlauches, auf den ein Trichter gesteckt ist. Die Erwachsenen erfahren dagegen zwar nichts über ein Hornistinnengehalt. Doch die Minen von Sarah Willis und ihren Musikerkollegen von den Berliner Philharmonikern lassen am Samstag bei Meet the Orchestra auf etwas Wichtigeres schließen: hohe Berufszufriedenheit. Anders als beim innovativen Education-Programm bietet die neue Reihe „Meet the Orchestra“ traditionelle Familienkonzerte: Zwei Instrumentengruppen werden präsentiert – in diesem Fall Celli und Blechbläser – in lockerer Moderation erfahren die Besucher ein wenig über die Spieler und ihre Technik; dazu gibt’s eine bunte Mischung kurzer Stücke. Dennoch nutzen die Philharmoniker genau damit eine besondere Stärke ihres Orchesters aus. Denn viele Instrumentengruppen sind auch als eigenständige Kammerensembles berühmt – allen voran natürlich die legendären zwölf Cellisten. Das teilt sich mit: Während die Erwachsenen still genießen, hält es das junge Publikum in der Philharmonie nicht mehr auf den Stühlen. „Hört mal, wie leise die Celli spielen können“, rettet Sarah Willis die Situation. Und wie das Hoforchester einer Ameisenkönigin bringen die Musiker das Konzert im neugierigen Gewusel zum guten Ende. Carsten Niemann

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