Kultur : KURZ & KRITISCH

Christian Tretbar

KUNST

Büchergletscher

schlängeln sich dahin

Virginia Woolf sollte eigentlich über Frauen und Fiction sprechen. Damals, 1929. Das tat sie auch, nur anders als erwartet. Denn die Schriftstellerin sprach über die Notwendigkeit eines „eigenen Zimmers“, das jede Frau haben müsse. Als Symbol ihrer Selbstständigkeit. Virginia Woolf ging es um finanzielle Unabhängigkeit und darum, dass Frauen schreiben, was sie denken. Ihr Essay unter dem Titel „Ein Zimmer für sich allein“ bildet jetzt die Grundlage einer Ausstellung des Kunstraums Kreuzberg/Bethanien (Mariannenplatz 2, bis 15. 4., tägl. 12–19 Uhr). A Room Of One’s Own setzt sich mit den Texten Woolfs auseinander und will ihre Botschaft ins 21. Jahrhundert transformieren. Und das mit allen Medien. Bilder in Pastelltönen sind zu sehen, auf denen das Chaos eines Arbeitszimmers scheinbar geordnete Formen annimmt. Bücherberge schlängeln sich wie ein Gletscher vom Schreibtisch zum Boden, im Hintergrund ist das Porträt einer Dame zu sehen. Audiovisuelle Installationen wie die von Nanna Lüth spielen ebenfalls mit der Verbindung von Arbeitswelt und Geschlecht. Ein kleines karges Bäumchen ist mit Miniaturlautsprechern versehen, aus denen englische und französische Vorträge zu hören sind. Auf dem Boden sind Overhead-Folien projiziert, die einen genetischen Code abbilden. Die in Kooperation von Brüsseler und Berliner Künstlern entstandene Schau ist keine herausragende Ausstellung, aber sie bietet einen kurzweiligen Eindruck davon, wie aktuell Woolfs Essay auch heute noch ist.

KLASSIK

Haarrisse in der

Klanglandschaft

Ein Opernorchester möchte sich zeigen bei seinen Symphoniekonzerten, möglichst in voller Größe. Für ein solches Schaulaufen drängt sich Richard Strauss’ „Alpensymphonie“ auf, aber die nächstliegende Idee ist nicht immer die klügste – vor allem, weil das Orchester der Komischen Oper bei seinem Symphoniekonzert unter Stefan Soltesz nur die begrenzte Bühne des eigenen Hauses zur Verfügung hat. Zwar vermittelte Soltesz dem Orchester jene musikantische Unbekümmertheit, von welcher Strauss in der Krise der bürgerlichen Welt vor dem Ersten Weltkrieg zweifellos eine Unze zu viel gehabt hat. Doch weil Soltesz ansonsten analytisch dirigierte, konnte der in nächster Nähe sitzende Hörer auch die Haarrisse in der Oberfläche dieser cineastischen Klanglandschaft wahrnehmen. Schlüssiger war der erste Teil des Konzerts. Nach der vom Orchester mäßig elegant absolvierten Mendelssohn-Ouvertüre „Heimkehr aus der Fremde“ spielte der junge Berliner Pianist Martin Helmchen das zweite Klavierkonzert von Franz Liszt. Mit einem unprätentiösen Spiel selbst in Liszts artistischen Oktavkaskaden und Doppelläufen überzeugte Helmchen: Die Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Orchester opferte er niemals einer selbstbezogenen virtuosen Geste. Matthias Nöther

KLASSIK

Wissen und

Deutungswünsche

Gestern war ein Sonntag wie im Mai, und es gab ein Vergnügen wie aus einer anderen Welt: Rainer Iwersen und das Nomos-Quartett brachten im Musikinstrumentenmuseum die sorgfältige, dennoch etwas handgestrickte Beethoven-Exegese zu Gehör, die der Berliner Musikgelehrte Arnold Schering in den 1930ern vorlegte. Doch immerhin war Beethoven ein glühender Shakespeare-Verehrer, wie der Musikwissenschaftler Heinz von Loesch anfangs erläutert. Und so mag, wer möchte, die Quartette op. 74 und 130 tatsächlich als Vertonung von Szenen aus „Romeo und Julia“ oder „Sommernachtstraum“ empfinden. Wer nicht mag oder die Spreizung schwierig findet zwischen der starken, mitunter recht lustigen, furchterregend perfekt gesprochenen Lesung dieser Szenen durch den Shakespeare-Kenner Iwersen und dem Spiel des Nomos-Quartetts, das sich tapfer der Überakustik des Saales stellt und seinen Beethoven mit nicht allzu viel Süße versieht, gar an Stellen wie dem großen „Beklemmt“ in op. 130 sachlich vorübergeht – der also kann sich zurücklehnen im Wissen darum, dass Scherings Deutungswunsch sowieso größer war als die Indizien bei Beethoven und dass eine solche Präsentation ein wunderliches Unterfangen bleibt. Dann wieder ist Musik ohne Deutung nicht zu haben. Warum sollte es märzmorgens nicht auch einmal ein wenig Schering sein? Schon gar, wenn so viele Helfer ringsum sind, das Deutungswerk ins Leben zu bringen. Dass die Verschmelzung am Ende kaum gelingt, ist ihr Fehler nicht. Christiane Tewinkel

KUNST

Blickkontakte im

Backstage-Bereich

Tomasz Kizny hat rund tausend U-Bahn-Passagiere in Berlin, Warschau, Moskau, Paris und New York porträtiert. Immer wieder stellte er die Frage: „Darf ich Sie fotografieren?“ Das ist frech, denn in der U-Bahn gibt es so etwas wie ein Blickkontaktverbot. Man schaut flüchtig hinüber und starrt dann aneinander vorbei. Trotzdem willigte jeder Zweite ein und ließ sich vom mechanischen Auge Kiznys fixieren. Vielleicht weil der polnische Fotograf die Anonymität durchbrach. Ein Obdachloser in Moskau, ein Transvestit in Berlin oder eine Balletttänzerin in Paris mögen nicht viel gemeinsam haben. Doch es tut ihnen gut, wenn im unpersönlichen Menschenstrom der Fokus auf sie gerichtet wird – und sei es nur für den flüchtigen Moment der Belichtungszeit. So erzählen die Werke Kiznys, die unter dem Titel The Passengers im Wissenschaftskolleg Berlin (Wallotstr. 19, bis 30. 4., nach telefonischer Vereinbarung unter 890010) ausgestellt sind, Geschichten aus dem urbanen Leben. Man sieht Menschen mit Augenringen, abgeschminkt, erschöpft. Die U-Bahn ist der Backstage-Bereich der Metropolen. Es scheint, als hätten die Porträtierten ihre Masken abgelegt. Von der Spannung zwischen gespielter Ehrlichkeit und ehrlicher Selbstdarstellung leben die Fotografien. Tobias Haberkorn

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