Kurzfilme bei der Berlinale : Eine Frau geht an Bord

Von Bosnien bis Vietnam: Bei den Berlinale-Shorts laufen 24 Kurzfilme aus 17 Ländern, die in fünf abendfüllenden Programmen zu sehen sind.

Therese Mausbach
Willkommen im Wahnsinn. Demond Melancon in "All on a Mardi Gras Day".
Willkommen im Wahnsinn. Demond Melancon in "All on a Mardi Gras Day".Foto: Michal Pietrzyk

Trauer endet nie. Einer der bewegendsten Beiträge des Kurzfilmprogramms trägt den Titel „Crvene Gumene Mizme“. Rote Gummistiefel, so die deutsche Übersetzung, sind der einzige Hinweis, der einer Mutter blieb, um die sterblichen Überreste ihrer Kinder zu identifizieren, die während des Bosnienkriegs in den Neunzigern verschwanden. Der 18-minütige Dokumentarfilm zeigt, wie die Mutter zu Massengräbern fährt und vergeblich nach den Gummistiefeln sucht. Gedreht hat ihn die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanik, die 2006 mit ihrem Spielfilm „Esmas Geheimnis – Grbavica“ den Goldenen Bären gewonnen hat.

Auch die französische Produktion „Omarska“ handelt von den Folgen des Bosnienkrieges. Es geht um das gleichnamige Gefangenenlager im Norden von Bosnien und Herzegowina, in dem mehrere tausend Menschen starben. Aus Archivbildern, Interviews mit Überlebenden und einer 3D-Animation entsteht eine Art virtuelle Gedenkstätte. Rund 4000 Beiträge waren für die Reihe eingereicht worden, ausgewählt wurden 24 Filme aus 17 Ländern, die in fünf abendfüllenden Programmen zu sehen sind. Immer wieder geht es dabei, sagt die Kuratorin Maike Mia Höhne, darum, „wie sehr das Gestern das Heute mitbestimmt“.

Der Kosovo ist dieses Jahr zum ersten Mal vertreten. „Në Mes“ porträtiert Väter, die auf dem Land Häuser für ihre Söhne bauen, die ins Ausland gegangen sind, um dort zu arbeiten. Ob sie zurückkehren werden, ist ungewiss. Die Spanierin Irene Moray erzählt in „Suc De Sindria“ von einem Liebespaar, das die traumatischen Folgen einer Vergewaltigung hinter sich zu lassen versucht. „Shakti“ ist ein Begriff aus dem Hinduismus. Er steht für Energie. Genau sie ist es, die dem Helden der Kurzkomödie „Shakti“, inszeniert vom Argentinier Martin Rejtman, fehlt. Erst stirbt seine Oma, dann verlässt ihn seine Freundin. Antriebslos lässt sich der Mittzwanziger durch Buenos Aires treiben.

Die U-Bahn als Bühne

Demond Melancon gehört zu den Protagonisten von Michal Pietrzyks Dokumentation „All on a Mardi Gras Day“. Wie besessen stickt der Künstler alljährlich Perlenkostüme für den Faschingsumzug von New Orleans. In strahlenden Farben erzählen sie von der afro-amerikanischen Geschichte seiner Heimat. Auf der Parade schreit er aus Leibeskräften „I’m big chief, can’t lose“ und zieht im gelb leuchtenden Federkleid in den friedlichen Kampf gegen Gentrifizierung, Drogen und Gewalt. Afrikanischen Traditionen folgen auch die Sprechchöre der jungen schwarzen Künstler, die Barbara Wagner und Benjamin de Burca in „Rise“ vorstellen. Die Aktivisten machen die U-Bahn von Toronto zu ihrer Bühne.

Der vietnamesische Regisseur Pham Ngoc Lan, der bereits 2016 an den Berlinale Shorts teilgenommen hat, folgt in „Mot Khu Dat Tot“ einer Mutter und ihrem Sohn auf der Suche nach dem Grab des Vaters. Der Friedhof, auf dem er beerdigt wurde, ist in einen Golfplatz umgewandelt worden. „Welt an Bord“, eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, spielt im Kosmos deutscher Binnenschiffer. Regisseurin Eva Könnemann versucht, ein Teil dieser Männerwelt zu werden. Am Ufer zieht die Landschaft mit maximal 15 Stundenkilometern vorbei.

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Endgültig ins Surreale driften die Animationsfilme. In „Kingdom“ von Tan Wei Keong fällt ein Mann in einen Wald und verliert dabei seine Arme. Nackt ist er außerdem. „Splash“ von Shen Jie ist eine Hommage an David Hockneys Swimming-Pool-Gemälde. Das Spritzen des Wassers gleicht der Explosion einer Bombe.

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