„La Prière“ im Wettbewerb : Beten und arbeiten oder doch lieber lieben?

Glauben statt Drogen: Der französische Wettbewerbsfilm „La Prière“ erzählt von einem Junkie, der Gott sucht. Mit Hanna Schygulla als Ordensschwester.

Herr, hilf. Junkie Thomas (Anthony Bajon) lernt leben.
Herr, hilf. Junkie Thomas (Anthony Bajon) lernt leben.Foto: Les films du Worso/Carole Bethuel

Läuterung ist ohne Pein nicht zuhaben, aber diese Lektion in Demut sieht richtig schweißtreibend aus. Zwei Männer heben nur mit Spitzhacken bewehrt auf einem Hochplateau Gruben aus. Die verschneiten Bergketten der französischen Alpen sind malerisch und menschenleer. Schwarz glänzt die schwere, steinige Erde im Schnee. Und was machen wir nun?, fragt Thomas. Wir schütten die Gruben wieder zu, sagt Pierre.

Bete und arbeite. In der katholischen Kommunität, die aus ehemaligen Junkies und Säufern besteht, wird die Benediktiner-Regel wörtlich genommen. Nur dass der Sinn der Schufterei nicht in der Produktivität, sondern in der Ablenkung von der Körper und Hirn zersetzenden Sucht besteht. Regisseur Cédric Kahn, der 2004 erstmals mit „Feux Rouges“ im Wettbewerb vertreten war und durch seinen Thriller „Roberto Succo“ bekannt wurde, setzt in seinem linear und ohne jeden Chichi erzählten Suchtdrama „La Prière“ die Bannkräfte des Glaubens gegen die von Alkohol und Heroin. Zum Glück ohne die Religion auf schlichte Atheisten-Tour als Droge zu denunzieren.

Als der 22 Jahre alte Thomas (Anthony Bajon) in das Männerhaus der Gemeinschaft aufgenommen wird, hat er eine Überdosis überlebt. Sein Babygesicht ist von einem Veilchen entstellt, der kalte Entzug wühlt in den Eingeweiden. Leiter Marco (Alex Brendemühl) klärt ihn über die Regeln („Arbeit, Gebet und Freundschaft, sonst bekommst du nichts!“) auf. Als väterlicher Freund wacht „Schutzengel“ Pierre (Damien Chapelle) Tag und Nacht über den von Wut und Widerwillen geschüttelten Neuzugang.

Der Film bleibt merkwürdig lau in seinen Konflikten

20 Filmminuten vergehen, bevor Thomas anfängt zu reden. Nicht mit den anderen Brüdern, die Jeans statt Habit tragen und auch nicht zölibatär leben. Sondern mit der Bäuerin, auf deren Hof die Süchtigen aushelfen. Dahin führt ihn alsbald ein nächtlicher Ausbruch aus der zu idyllisch gezeichneten christlichen Laientherapeutenhölle, in der sich alle permanent nach Art Anonymer Alkoholiker um Vergebung bittend zu ihren Vergehen bekennen, aber auch selbstlos Nächstenliebe praktizieren. Bauerstochter Sibylle (Louise Grinberg), eine Archäologiestudentin, ist es, die den schon bald in sie verliebten Thomas überzeugt, in die Gemeinschaft zurückzukehren. „Es ist deine einzige Chance.“

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Nun wandelt sich der Saulus zum Paulus, was Kahn inklusive einer Wunderheilung nach einem Bergunfall ohne Kitsch, aber auch ohne spirituellen Furor inszeniert, was dem anrührend zwischen Zweifeln und Gottvertrauen schwankenden Spiel des Newcomers Anthony Bajon Kraft raubt. Überhaupt bleibt „La Prière“ trotz des existenziellen Themas merkwürdig lau in seinen Konflikten. Fast scheint es, als traue der Agnostiker Kahn dem eigenen Mut zum religiösen Sujet nicht. Und den asketischen Alltag aus Arbeit, Gebet und Gesängen hat man – trotz der wundervollen, kunstvoll mit der Dunkelheit arbeitenden Kameraarbeit von Yves Cape – sogar in Kloster-Dokumentarfilmen eindrucksvoller inszeniert gesehen.

So bleibt die saftigste Szene Hanna Schygulla vorbehalten, die Thomas als greise Sado-Schwester Myriam mittels Backpfeifen ob der Wahrhaftigkeit seiner Gebete examiniert. Hier wird’s endlich spannend, weil das Mysterium Glaube mehr sein darf als Therapieinstrument oder ein kuscheliger Schutzschild gegen die Anforderungen der Welt. Absolut nämlich und übergriffig.
19.2., 9.30 und 18 Uhr (FSP), 12.15 Uhr (HdBF), 22.30 Uhr (International)

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