Lampedusa : Eine Insel als Chiffre

Der Italiener Davide Enia dokumentiert in „Schiffbruch vor Lampedusa“ das Flüchtlingselend.

Gestrandet. Flüchtlingsschiffe vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa.
Gestrandet. Flüchtlingsschiffe vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa.Foto: Annette Reuther

Anonym bleiben will der Rettungstaucher, „ein Riese“, heißt es, der von seiner Arbeit auf dem Meer berichtet und von unerträglichen Momenten. Soll er drei Männer retten, die er gerade untergehen sieht, oder die junge Frau in den Wellen mit ihrem Säugling? Wie soll er das innerhalb weniger Sekunden entscheiden? Er sei „kein Linker“, gibt der Mann zu Protokoll, doch all das mache ihm zu schaffen. Vor der Küste von Lampedusa, weiß ein alter Fischer, fangen sie jetzt mehr Seebarsche. Er muss nicht hinzusetzen: Das sind Fleischfresser, es gibt dort Futter für sie – Ertrunkene. Die Insel Lampedusa, die zu Sizilien gehört, jedoch näher an Tunesien liegt als an Italien, gehört zu den Zielen im Mittelmeer, die Migranten mit ihren Booten ansteuern, mit dem Wunsch, europäischen Boden zu erreichen. Emblematisch geworden ist die Insel dafür, ihr Name ein Synonym für diesen Wunsch.

Zeugen wie dem „Riesen“ und dem alten Fischer ist der 1974 geborene Italiener Davide Enia auf der Spur. Er hat Lampedusa über Jahre besucht und traf Beamte der Polizei und der Küstenwache, viele der abertausend Angelandeten, der 5000 Inselbewohner. Was der italienische Theater- und Romanautor erfahren hat, verdichtete er in einem literarischen Essay, verfasst mit Wucht, mit Wut, Hingabe und Reflexion. („Schiffbruch vor Lampedusa“ Mit einem Nachwort von Albert Ostermaier. Aus dem Italienischen von Susanne van Volxem u. Olaf Matthias Roth. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 238 S., 20 €).

Lampedusa ist seit 20 Jahren Fluchtziel

Zum Genre des aktuellen Migrationsessays hatte schon Navid Kermani beigetragen, der im Spätsommer 2015 vom anderen Ende her die Flüchtlingsrouten entlanggereist war, von Ungarn über Lesbos und die Ägäis bis nach Izmir in der Türkei. („Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa.“ C. H. Beck, München 2016, 96 S., 10 €.). Enia beschränkt sich räumlich auf den einen Punkt, auf diesen einen „Haufen Felsen hier mitten im Meer“, der so symbolhaft aufgeladen ist. Er kennt die Problematik des überfrachteten Symbols: „Der Begriff ,Lampedusa‘ ist ein Container-Wort geworden“, schreibt er, „das alles Mögliche enthält, Migration, Grenzzäune, Schiffbrüche, Solidarität, Tourismus, Feriensaison, Randlage, Wunder, Heldentum, Verzweiflung, Qual, Tod, Wiedergeburt, Befreiung.“

Als Fluchtziel bekannt war Lampedusa schon mindestens zwanzig Jahre. Doch gefüllt hat sich der Namenscontainer vor allem seit dem Arabischen Frühling, was, kombiniert mit dem Missmanagement von Italiens Regierung, nach und nach die gastfreundliche Bevölkerung überforderte, wie Heidrun Frieses ethnologische Forschung darlegt. („Grenzen der Gastfreundschaft: Die Bootsflüchtlinge von Lampedusa und die europäische Frage“, transcript Verlag, 2014, 246 S. 29, 99 €). Ein Kulminationspunkt war der katastrophale Schiffbruch vom 3. Oktober 2013 mit Hunderten Toten, als auf der Insel Hallen voller Särge standen, vor denen EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso mit Tränen kämpfte, während Sprechchöre die EU schmähten.

Kette aus Szenen und Erzählungen

Davide Enias Essay ist eine eindringlich geknüpfte Kette aus Szenen und Erzählungen der Inselbewohner und der Flüchtlinge, unter anderem spricht der Autor mit seinem Vater, einem Arzt. Wo Yachthäfen neben Bootsfriedhöfen liegen, Hotels neben Gräbern unbekannter Schiffbrüchiger, Restaurants neben einem Auffanglager, verdichtet sich tatsächlich Europas Migrationsaufgabe derart augenfällig, dass es unbegreiflich scheint, wie lange Resteuropa die Augen schließen konnte. Nicht nur vor der dysfunktionalen Dublin-Regelung, nicht nur vor den Flüchtlingen aus Nordafrika, Nigeria, Kamerun, Syrien, Eritrea, Sudan oder Somalia, sondern auch vor den Leuten, die dort leben, wo sie stranden. Die Pensionswirtin Paola zum Beispiel erzählt, wie sie mitunter wach lag: „Die ganze Nacht hatte ich Angst, am nächsten Morgen aufzuwachen und im hellen Licht der Sonne plötzlich auf Tote zu stoßen.“

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