Landesmusikrat Berlin : Trommeln für die Tonkunst

Freiräume zum Üben für talentierte Kinder, angemessene Bezahlung für Amateurmusiker. Was der Landesmusikrat Berlin politisch fordert.

Kostspielig. Für einen Auftritt samt Generalprobe in der Berliner Philharmonie werden 16 000 Euro fällig.
Kostspielig. Für einen Auftritt samt Generalprobe in der Berliner Philharmonie werden 16 000 Euro fällig.Foto: Heribert Schindler

Deutschland wird bewundert und beneidet für seine überreiche, historisch gewachsene Musiklandschaft. 129 Profiorchester bieten hierzulande das ganze Jahr über klassische Live-Erlebnisse, fast die Hälfte aller Opernvorstellungen, die weltweit stattfinden, werden von den 80 Musiktheaterensembles auf die Bühne gebracht, die es an den Staats- und Stadttheatern gibt. Die deutschen Musikhochschulen haben einen so guten Ruf, dass sie Studierende von überall her anziehen.

Und dann ist da natürlich noch die Amateurszene. Mag mancher auch meinen, in den Schulen und Familien würde heute zu wenig gesungen, die Hausmusik sterbe aus und der Stellenwert der Tonkunst in der Gesellschaft sei überhaupt beklagenswert – die Zahlen, die der Landesmusikrat Berlin jetzt allein für die Hauptstadt ermittelt hat, sind beeindruckend: Mindestens 114 000 Menschen machen hier in ihrer Freizeit Musik, 1,9 Millionen Besucher ziehen die Auftritte der Berliner Amateure jedes Jahr an. Darunter sind viele Freunde und Verwandte, die normalerweise die Spielstätten der Hochkultur meiden.

Musik schon für die Kleinsten

13 000 Ehrenamtliche kümmern sich darum, dass Proben und Konzerte organisiert werden. Und weil die Chöre und Orchester nicht nur Räume mieten, Noten ausleihen und Instrumente anschaffen, sondern auch rund 5000 Profis als Leiterinnen und Leiter anstellen und damit zu Lohn und Brot verhelfen, ist die Laienmusikszene auch ein echter Faktor der Berliner Wirtschaft.

Dem Landesmusikrat Berlin reicht das natürlich nicht. Die Lobbyisten um Präsidentin Hella Dunger-Löper schwingen beim Buhlen um Aufmerksamkeit und staatliche Gelder gleich die ganz große Keule – damit am Ende wenigstens ein kleiner Fortschritt herauskommt. In den beiden Masterplänen, die sie nun zu den Themenfeldern „Musikalität und Nachwuchsförderung“ sowie „Amateurmusik“ veröffentlicht haben, stellen sie Maximalforderungen auf, entwerfen das Szenario eines Idealzustands.

In den Kitas gibt es dabei Erzieherinnen, die die Kompetenz haben, schon bei den Kleinsten musikalische Begabungen zu entdecken. Schulen und Musikschulen sind ganz eng miteinander vernetzt, wenn es später darum geht, den Hochtalentierten Freiräume zum Üben zu schaffen. Der Beruf des Musiklehrers ist so attraktiv wie der des Orchestermusikers, weil die Pädagogen in den Schulen nicht mehr nur als Randfach-Unterrichtende behandelt werden. Sondern weil man dort ihre Bemühungen fördert, finanzieller Zuschüsse für Chorfreizeiten und ähnliches gewährt. Und von den Lehrenden an Musikschulen werden nicht nur 20 Prozent fest angestellt, wie bisher beschlossen, sondern 80 Prozent, und zwar bis zum Jahr 2025.

Am Besten wäre ein weiterer Konzertsaal

Für den Amateurbereich wiederum, so entwirft es der Landesmusikrat in seinem Masterplan, würde es einen kostenfreien Zugang zu Räumen in öffentlichen Gebäuden der Bezirke geben. Warum sollte ein Chor nicht abends in der Kantine eines Finanzamtes proben? Und was spricht dagegen, wenn sich im Rathaussaal Ensembles durch Partituren ackern, wenn der nicht für Sitzungen gebraucht wird? Hier ist das Berliner Sportfördergesetz ein Vorbild.

Toll wäre auch ein Strukturfonds für Honorarmittel, angesiedelt bei der Senatskulturverwaltung, aus dem die Dirigentinnen und Dirigenten der Amateurmusiker angemessen bezahlt werden können statt wie bisher oft nur prekär. Und mit den Mietsteigerungen in den großen Kirchen und Konzertsälen wäre in dieser Vision auch Schluss. Um bis zu 80 Prozent sind die in den vergangenen 12 Jahren gestiegen, für einen Auftritt samt Generalprobe werden in der Philharmonie mittlerweile über 16 000 Euro fällig.

Am Besten, sagen die Lobbyisten, wäre es natürlich, wenn die wachsende Stadt gleich einen weiteren Konzertsaal bauen würde, mit idealer Akustik für Oratorienaufführungen. Man wird ja noch träumen dürfen.

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