Gert Voss, der Verstellungskünstler und Maskenmann

Seite 3 von 3
Laudatio : Verstandeshelle Zauberkunst

 Ist das nun eine Tragödie, ist es eine Komödie? Die Antwort ist einfach kompliziert. Wenn Voss in Thomas Bernhards Tragikomödie „Einfach kompliziert“ am Berliner Ensemble, von Claus Peymann inszeniert, nun als alter Schauspieler, der noch von seinem Shakespeare-Richard träumt, sich eine schäbige Decke umlegt wie einen Königsmantel, wie zum Wärmen am fadenscheinigen Stoff der Erinnerung, dann spielt im Gedächtnis natürlich auch Vossens eigener Dritter Richard bei Peymann in Wien vor einem Vierteljahrhundert mit. Jener kadettenhaft eingeschnürte Krüppel als aasiger Ausbund, ein Zögling des Bösen, das nicht banal ist, sondern dämonisch, vielgesichtig. Im Theater ergeben die Bösen besser als alle Guten das wahre Schauspielerglück. Weil sie sich so gerne verstellen.

 Der Verstellungskünstler als Maskenmann, als Macho, Diktator, Moralist und Machiavellist, als politischer und theatraler Strippenzieher, als Fürst und Clown. Das ist – zum letzten und aktuellsten Beispiel – Gert Voss gerade als Herzog in Thomas Ostermeiers spannungsvoller Inszenierung von Shakespeares „Maß für Maß“ an der Berliner Schaubühne. Ein Entertainer, der das Publikum mit einer ungeheuren komödiantischen Lust mitnimmt bei einem ungeheuerlichen Menschenexperiment. Der Herzog übergibt seine Macht zum Schein an einen Stellvertreter, und beobachtet unter seiner Maskerade, was nun in seinem Staatswesen an politischer und menschlicher Verstellung oder Entstellung, an Heuchelei, Gier und Gemeinheit sich entwickelt. Was Köpfe kosten kann und Herzen bricht.

 Orwell, der Überwachungsstaat, religiös-ideologischer Fanatismus, ein mafioses Paten-System, Tugendterror und andererseits vermeintlich moralfreie Libertinage, Prostitution und Machtmissbrauch – die vierhundert Jahre alte Fabel wirkt in allem verblüffend gegenwärtig. Aber Gert Voss kommentiert das nie. Mit jovialer, herzlichster Unbarmherzigkeit öffnet er wieder alle Abgründe, doch er bewahrt das letztlich unergründliche Geheimnis seiner dubios dämonischen, zum Erschrecken wie Entzücken komischen Rolle. Das Dionysische und das Apollinische, das Verstandeshelle und das dunkel Triebhafte, das Nietzsche als Pole des Theaters und unserer Kultur erblickte, bleiben bei Voss im Widerspiel doch eins. Sind seins. Unsereins.

Und so existiert hier auch keine Trennung von Tragödie und Komödie – eine Trennung, die seit Shakespeare, Kleist, Büchner, Tschechow und Beckett nicht mehr ist als eine Schimäre.

In unserer Sprache gibt es das Wort: sich totlachen. Wieso eigentlich: tot? Und warum gibt es dann nicht: sich lebendigweinen?  Dieses Fragezeichen bezeichnet hier einen Doppelpunkt. Hinter ihm steht: Gert Voss. Mit Ausrufezeichen! Gratulation, von Kopf und Herzen, für die Auszeichnung!

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

0 Kommentare

Neuester Kommentar