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Luftig, flauschig, fein gesponnen. Das Pilzmycel als Inbegriff eines neuen gesellschaftlichen Miteinanders.
© Imago

Feministische Philosophie für die Gegenwart: Leben von den Zwischenräumen

Eva von Redecker sucht nach Wegen zu einer friedfertigen Revolution.

Wo ist sie, die stringente politische Theorie, der etwas Neues einfällt zu den gewaltigen Umbrüchen der Gegenwart, die alles wahrnimmt, was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat, nicht nur dort, wo es auch in Krisenzeiten wie geschmiert läuft, in den scheinbar vom Ballast der Materie befreiten Sphären der Technologie und des Geldes, sondern auch dort, wo es knirscht und rumpelt, im Räderwerk des Alltags, wo Pakete geschleppt, Essen gekocht, Kinder versorgt, Alte und Kranke betreut werden? Wo ist sie, die Theorie in den Spuren Hannah Arendts, die alles ein klein wenig anders sieht als der philosophische Mainstream, die politisch und mutig ist, ohne mit diesem Mut zu kokettieren?

„Revolution für das Leben“, das neue Buch der Philosophin Eva von Redecker, ist eine solche Theorie. Sie ist radikal und unerschrocken, ohne jede Scheu, missverstanden zu werden und zugleich voller Umsicht. Bei dieser Revolution soll es keine Toten geben. Sie hat bereits begonnen. Jedes Leben zählt. Was die Philosophin in Anlehnung an Marx „Sachherrschaft“ nennt, muss ein Ende haben.

[Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2020. 316 Seiten, 23 €.]

Eva von Redecker geht den Kapitalismus vom Eigentum aus an. Nicht allein von den Eigentumsverhältnissen, sondern grundsätzlicher, von der Eigentumsform. Das Kennzeichen des modernen Eigentums sieht sie in der uneingeschränkten Verfügungsgewalt.

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Sie schließt neben der Freiheit des Gebrauchs auch die des Missbrauchs und der Vernichtung ein. Diese Form ist laut Redecker bei Gegenständen ebenso am Werk wie bei Menschen: im Sklavenhandel, in der Zwangsarbeit, aber auch im Konzept der patriarchalen Ehe und in der Vorstellung sexueller Verfügbarkeit. Zur Erinnerung: Vergewaltigung in der Ehe ist in der Bundesrepublik erst seit Juli 1997 strafbar.

Warenförmig ist sogar die Liebe

Das spezielle Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, die Frankfurter Schule nannte es „instrumentell“, ergänzt Eva von Redecker durch eine Analyse dessen, was mit einem Gegenstand geschieht, wenn er zur Ware gemacht wird. Er wird gespalten in einen Teil, der Wert hat, und einen anderen Teil, der als nichtig gilt. Warenförmig, so kann man mit Eva Illouz ergänzen, ist mittlerweile selbst die Liebe.

Im Prinzip braucht Eva von Redecker nur diese beiden Instrumente, um die Geschichte des Modernisierungsprozesses bis zum gegenwärtigen Stand der Dinge neu zu erzählen. Und zwar unter einem doppelten Blickwinkel. Dem Blickwinkel voranschreitender Ausbeutung und Vernichtung, die im irreversiblen Kollaps verschiedener Ökosysteme zu kulminieren droht, und dem Blickwinkel der Reproduktion, des Sorgens, Hegens und Reparierens, also jenem Bereich, den man gern den Frauen zuschiebt.

„Revolution für das Leben“ schärft das Bewusstsein für den eklatanten Anteil dieser Sphäre an allem menschlichen Gelingen. Nicht als simple Rehabilitierung des Weiblichen, das liegt der mit Judith Butler vertrauten Philosophin fern, sondern als Forcierung notwendiger Regenerationspraktiken. Sie haben auch etwas mit der Kenntnis der Natur zu tun, mit ihren Kreisläufen und Regenerationszyklen, mit Brachen, Zeit und Ruhephasen.

Eva von Redecker, von 2009 bis 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berliner Humboldt Universität und 2015 Gastdozentin an der New School for Social Research in New York, ist auf einem Biohof aufgewachsen. Vom Vater lernte sie alles über Nährstoffe – und dass sich das Generationenverhältnis irgendwann umkehrt. Als er an Krebs erkrankte, war sie plötzlich die Stärkere. Von der Mutter, die einen der ersten Hofläden betrieb,lernte sie das Wirtschaften.

Natur mit kultureller Überschreibung

Das konkrete Wissen, dass es Natur trotz ihrer kulturellen Überschreibung tatsächlich gibt, mag befördert haben, dass Eva von Redecker furchtlos auf der Höhe der Zeit philosophiert, aber keine unnötigen Grabenkämpfe führt.

Sie spricht mal von Frauen, mal von Kapitalistinnen, mal hängt sie generisch männlichen Substantiven einen Unterstrich mit weiblicher Endung an, sie zitiert sehr viel feministische und queere Theorie. Aber ihr Differenzierungsvermögen erschafft weder Begriffsungeheuer noch Ausschlusskriterien. Schließlich geht es genau darum: dass der Stempel der Entwertung niemanden trifft.

Wer behauptet, der Kapitalismus funktioniere gut und sei immer noch die beste Wirtschaftsform, übersieht, wie viel Müll, Schrott und Ausschuss er zwangsläufig nebenbei produziert. Alles, was an der Ware überflüssig ist – und sei es sie selbst nach kurzem oder sogar ohne Gebrauch –, wird externalisiert. Wir verpesten die Luft anderer Weltgegenden, wir zerstören die Böden, laugen die Erde aus, wir vernichten Lebensräume, Menschenleben, Tier- und Pflanzenarten.

Schon jetzt sterben sieben Millionen Menschen pro Jahr an den Folgen der Luftverschmutzung. Dabei ist vieles, was für Menschen wichtig ist, ohne den Umweg des Geldes zu haben. Eva von Redecker plädiert für Tauschen, Teilen, Helfen, Schenken, Unterstützen, für Kooperation auf allen Ebenen. Pragmatisch bedeutet das, Plattformen müssen vergesellschaftet werden. Und sie plädiert grundlegend für „Weltwiederannahme“, was durchaus ein „dreckiger Job“ sein kann. Denn auch Abfall, Luftverschmutzung, vermüllte Ozeane gehören zur Welt im gegenwärtigen Zustand.

Eva von Redecker baut die Folgen der Covid-19-Pandemie ebenso in ihre Argumentation ein wie die Finanzkrise des letzten Jahrzehnts, bei der ein Spekulationssystem gerettet wurde, das wenigen nützt und endlich nachhaltig reglementiert werden müsste.

Tokarczuks "Verwobenheit-Seismografie"

Sie nimmt aber auch den Faden auf, den die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk in ihrer Nobelpreisrede gesponnen hat: die Idee einer „Verwobenheits-Seismografie“, wie sie die Weltwahrnehmung der Schriftstellerin nennt, den „zärtlichen“ Blick einer Erzählerin, die in der „vierten Person“ (die es nicht gibt) die Verbundenheit alles Lebendigen erfassen möchte.

Die vielleicht größte Stärke dieses hoffnungsfreudigen Buches ist die Tatsache, dass es sogar in den Praktiken der „Katastrophenvergegenwärtigung“, wie sie Fridays for Future und Extinction Rebellion betreiben, den Vorschein einer besseren Welt erkennen kann. In den antirassistischen, feministischen, für das Klima kämpfenden Protestbewegungen der letzten zehn Jahre wird eben jene „Revolution für das Leben“ verhandelt, um die es geht. „Wir könnten Leben retten, anstatt sie zu zerstören“, das verkünden die lateinamerikanischen „Femist_innen“ von NiUnaMenos, und das proklamieren alle, die sich seit der Gründung von Black Lives Matter den Demonstrationen angeschlossen haben.

„Revolution für das Leben“ schärft den Blick für die vielen „Zwischenräume“, in denen sich andere Formen des Handelns einnisten können. Die 1982 in Kiel geborene und in Brandenburg lebende Philosophin findet dafür die Metapher des „Myzels“, also des unterirdischen Versorgungs- und Kommunikationsgeflechts, das Pilze und Bäume verbindet. Es geht um eine friedfertige Revolution des Nährens und Versorgens, um „gegenseitige Hilfe in weitschweifender Verbundenheit“.

Das klingt nicht so cool wie die prometheischen Fantasien der Technik-Freaks des Silicon Valley, die einen exklusiven Teil der Menschheit auf den Mars umsiedeln wollen, wenn die Erde unbewohnbar wird. Was aber geschieht mit dem Rest? Fast alle werden zu diesem Rest gehören, als Abfall einer Form von Herrschaft, gegen die man sich wehren kann.

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