Leben zwischen Freiheit und Ausbeutung : Die Bambusfäller von Bangladesch

Bambus liegt als ökologische Alternative zu Plastik im Trend. Der Film „Bamboo Stories“ gibt Einblick in die Produktionsverhältnisse.

Tagelöhner. Seit Generationen arbeiten die Männer am Ufer des Kushiyara.
Tagelöhner. Seit Generationen arbeiten die Männer am Ufer des Kushiyara.Foto: Sabcat Media

Am Ufer des Kushiyara im Nordosten von Bangladesch stehen die Männer in bunten T-Shirts bis zur Hüfte im Wasser und stapeln treibende lange Bambusstangen zu dicken Bündeln. Ein einzelnes Rohr mit der Machete längst aufgeschlitzt dient als Schnürband für ein Paket. Am Ende bilden sechs mal zehn solcher Bündel ein riesiges Bambus-Floß.

Nicht weit entfernt liegen die letzten großen Bambuswälder des Landes. Die sehen in Shaheen Dill-Riaz’ Dokumentarfilm „Bamboo Stories“ aus wie in einem Martial-Arts-Epos. Nur dass statt fliegender Schwertkämpfer in den Wipfeln am Boden Baumfäller arbeiten. Fünfzig sind das Arbeitssoll für einen Tag, heißt es später.

Das ist so anstrengend, dass die Holzfäller nur drei Tage in der Woche arbeiten können. Dass es auch gefährlich ist, merkt das Drehteam, als sich ein brunftiger Elefant ins Arbeitsrevier verirrt. Doch auch Blutegel, Schlangen und Tausendfüßler machen den barfüßig arbeitenden Männern und den Filmemachern zu schaffen.

Der Berliner Regisseur Shaheen Dill-Riaz war gleich mit seinem Abschlussfilm an der HFF Babelsberg, „Sand und Wasser“ (2002) über Menschen in einem Flussdelta, auf Festivals erfolgreich. Fünf Jahre später porträtierte er mit „Eisenfresser“ ebenso bildmächtig wie substanziell das Abhängigkeitssystem um die Männer, die am Strand von Chittagong mit einfachsten Mitteln riesige Kähne aus den reichen Ländern der Welt verschrotten.

Für seinen jüngsten Film hat sich Dill-Riaz einem Material zugewandt, das bei uns gerade groß im Trend ist und zu Unrecht als ökologisch vorbildliche Alternative zu Plastik vermarktet wird. Dafür ist er erneut mit der Kamera und zwei Kollegen in sein Herkunftsland Bangladesch gereist.

Dort ist der Bambus ein Werkstoff des Alltags. „Bambus ist Holz für Arme“, sagt der Pächter des Waldes und sieht die Zukunft seines Metiers wegen deren mangelnder Zahlungskraft wenig rosig. Er beschäftigt die Holzfäller, die ein ausgeklügeltes System aus kleinen Stauseen und Kanälen buddeln, um die gerodeten Bambusstämme leichter hinab zum Fluss zu transportieren.

Und wenn es dann eines Tages so weit ist und die Schleusen geöffnet werden, sausen die gebündelten Stämme auf einer wilden, mit langen Stangen gesteuerten Wasserrutschpartie ins Tal. Die ist technisch bravourös gefilmt. Auch sonst gibt es in diesem Film tolle Schauwerte wie Drohnenflüge über Wälder und Flussläufe, von denen einige auch zur topografischen Orientierung durchaus schlüssig sind.

Andere Aufnahmen sind eher Posing à la Geo-TV. Ein paar solcher Beauty-Shots weniger hätten dem Film sicher nicht geschadet.

[In den Kinos Acud, b-ware!, Eva, Lichtblick, Moviemento (alle OmU)]

Irgendwann sind die Bambusstämme unten am Fluss, wo die großen Flöße gebaut und auf die Reise ins ein paar Hundert Kilometer entfernt Bhairab Bazar geschickt werden. Eines dieser Flöße begleitet der Film: Darauf lebt die fünfköpfige Besatzung mitsamt Koch in halbrunden Hütten und – unsichtbar – das Filmteam, das gleich am ersten Tag die Tonklappe in den Fluten verliert.

Es wird auch gefährlich: Sturm und Monsun, wegelagernde Polizisten sowie Flusspiraten, denen schon das armselige Hab und Gut der Flößer reiche Beute ist. Die haben selbst fast nichts, verdealen aber am Ende der Reise im Auftrag des Großhändlers den Bambus an hart feilschende Einkäufer.

Doch das prekäre Leben auf dem Fluss ist für die Männer auch attraktiv. Manche ziehen die oft auch kontemplative Existenz und die Freiräume der Arbeit in der Natur einem Dasein als Tagelöhner in Lärm und Enge der Städte vor. Und schätzen vielleicht auch die Ferne von den Familien, die in vielen Fällen nur auf elterlichen Druck zustande kamen. Die Ehefrauen der Flößer, von denen Dill-Riaz einige besucht, haben solche Freiheiten nicht.

Ihnen bringt die Tätigkeit ihrer schlecht verdienenden Ehemänner wenig ein außer der – manchmal von ihnen erwünschten – Abwesenheit. So ist „Bamboo Stories“ neben einem visuell attraktiven Film über traditionelle Arbeit in der Natur auch eine Reflexion über die dahinterstehenden Besitz- und Geschlechterverhältnisse.

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