• Lehre aus der Pandemie: Wenn wir weiterexistieren wollen, müssen wir verzichten lernen

Lehre aus der Pandemie : Wenn wir weiterexistieren wollen, müssen wir verzichten lernen

Die Coronakrise hat uns den Verzicht gelehrt. Das kann uns sogar glücklicher machen. Wir brauchen einen radikalen Reset. Ein Gastkommentar.

Joachim Bauer
Es lohnt sich umzusatteln. Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, lebt länger. Das fand eine Studie heraus.
Es lohnt sich umzusatteln. Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, lebt länger. Das fand eine Studie heraus.Foto: Jeff Wheeler/dpa

Prof. Dr. med. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Berlin, wo er an der International Psychoanalytic University eine Gastprofessur innehat. Zuletzt erschien im Blessing Verlag sein Buch „Wie wir werden, wer wir sind“.

Die durch die Corona-Pandemie verursachte Krise tritt in eine dritte Phase ein. Nach einer ersten, durch einschneidende Kontaktbeschränkungsmaßnahmen gekennzeichneten und einer zweiten, mit der Lockerung dieser Maßnahmen verbundenen Phase scheinen wir in einem dritten Stadium angelangt zu sein, in dem wir erstmals etwas Luft holen und mit dem Versuch beginnen können, das bisher Geschehene zu deuten.

Deutungsversuche, die eine Verschwörung böswilliger Akteure vermuten, zeigen, dass die Pandemie eine traumatische Erfahrung war.

Sobald der erste Traumaschock überstanden ist, zeigen traumatisierte Menschen eine oft lange nachwirkende Angst. Verschwörungstheorien sind Versuche, diffuse Angst zu bannen, indem man einen Schuldigen identifiziert, durch dessen Bekämpfung die Angst eingeordnet und kanalisiert werden kann.

Die Situation gleicht, psychologisch gesehen, der eines Kindes, welches sich vor dem Reptil unter dem Bett fürchtet.

Pandemien sind auch Folgen der Naturzerstörung

Der Grund für dieses Verhalten ist nicht darin zu suchen, dass in unseren Städten Reptilien herumgeistern und unter dem Bett unschuldiger Kinder auf ihre Beute lauern.

Der wahre Grund ist, dass eine solches Kind diffuse Angst hat, die sich weder durch lange Diskussionen um Reptilien noch durch einen ständig wiederholten Kontrollblick unters Bett bannen lässt. Donald Trumps Reptil ist das Geheimlabor in Wuhan, andere Verschwörungstheoretiker haben sich Bill Gates oder Angela Merkel als Reptil auserkoren.

Damit wir die Angst, die sie uns bereitet hat und immer noch bereitet, bannen können, bedarf die Corona-Pandemie einer rationalen Deutung. Große Infektionswellen gehören zu den vielen vorhersagbaren – von Ökologen, Epidemiologen und Medizinern tatsächlich auch vorhergesagten – Folgen des weltweiten zerstörerischen Eindringens des Menschen in die Natur, wodurch wir den schützenden Zwischenraum zwischen den Biotopen von Tieren und dem Lebensraum des Menschen beseitigen.

Ein Aspekt dieser gefährlichen Fehlentwicklung ist die Überjagung seltener Tierarten, die uns im Gegenzug ihre pathogenen Keime übertragen. Das SARS- CoV2-Virus war nicht das erste und es wird nicht das letzte Pathogen dieser Art gewesen sein.

Das für uns Menschen letzten Endes lebensgefährliche, maßlose Eindringen in die Natur hat mit unserer Lebensweise zu tun. Zu einer gesamtheitlichen Bewältigung der Corona-Krise gehört ein Nachdenken über unseren durch hohen Konsum, mangelnde Bewegung, ein Übermaß an motorisierter Mobilität und durch problematische Ernährungsgewohnheiten gekennzeichneten Lebensstil. Er ist nicht nur ein Treiber der ökologischen Zerstörung des Globus, wir zerstören damit in direkter Weise auch uns selbst.

In den westlichen Gesellschaften pandemisch verbreitetes Übergewicht, der sich daraus ableitende weit verbreitete Diabetes Typ II sind, zusammen mit einem hohen Maß Tabak- und Alkoholkonsum (bei Letzterem zählt Deutschland weltweit zur Spitzengruppe), quasi suizidale Programme. Ein hoher Anteil der Herz-Kreislauf- sowie der Tumorerkrankungen ist unserem Lebensstil geschuldet.

Etwas stimmt nicht mit unserer Lebensweise

Unseren Lebensstil einer Überprüfung zu unterziehen, bedeutet keineswegs, einer Gesellschaft das Wort sprechen, die sich am Leben nicht mehr freut.

Ganz abgesehen davon, dass schon lange bevor die Pandemie unsere Stimmung zu drücken begann, die vielen grimmigen Gesichter, denen wir in der Öffentlichkeit weithin begegnen, nicht gerade dafür sprechen, dass wir in einem Land der Freude oder des Lächelns leben.

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter "Fragen des Tages". Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier.]

Der Mangel an Freude hat damit zu tun, dass wir alle spüren, dass etwas an unserer Lebensweise nicht mehr stimmt. An der zu hohen Drehzahl, mit der wir leben und arbeiten: am hohen Stresslevel, dem wir ausgesetzt sind und den wir uns selbst machen; an der Bedeutung, welche die Foren der sozialen Netzwerke und der im Internet kommunizierte Hass in unserem Leben gewonnen haben; vor allem am Mangel an Zeit, uns einander analog zuzuwenden.

Wir brauchen einen radikalen Reset

Ein Anfang Mai 2020 in der Zeitschrift „Lancet“, einem der beiden weltweit führenden medizinischen Fachjournale, erschienener Beitrag gibt die Möglichkeit, unser Mobilitätsverhalten zu thematisieren und aufzuzeigen, wie wir trotz einschneidender Veränderungen genüsslicher leben könnten.

Die Art, wie wir uns fortbewegen, braucht einen radikalen Reset. Sechs britische Forscher analysierten das Mobilitätsverhalten und die Gesundheitsdaten von mehreren hunderttausend Pendlern, die sie im Rahmen einer Längsschnittstudie über einen Zeitraum von über 20 Jahren verfolgt hatten.

Täglich von der Wohnung zur Arbeit und zurück pendeln in Deutschland 13 Millionen Menschen (zu dieser Zahl hinzu kommen nicht sozialversicherungspflichtig Beschäftigte). In Berlin leben 187000 sogenannte Auspendler, also Menschen, die Berlin täglich verlassen, um an ihre Arbeitsstelle zu kommen.

Die Zahl der täglichen Einpendler beträgt 338000 Menschen. Die „Lancet“-Studie hat nicht nur für diese Menschen, sondern für uns alle eine hoch interessante, geradezu spektakuläre Botschaft.

Im Vergleich zu denjenigen Arbeitskollegen und -kolleginnen, die täglich mit dem Auto oder Motorrad zur Arbeit fahren, zeigten Personen, welche die tägliche Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen, im über 20jährigen Beobachtungszeitraum eine exakt 20 Prozent geringere allgemeine Mortalität.

Das durch Herz-Kreislauferkrankungen verursachte spezifische Sterberisiko war sogar um 24 Prozent niedriger, durch Krebserkrankungen verursachte Todesfälle waren bei den Radlern um 16 Prozent weniger. Auch bei denen, die mit dem öffentlichen Schienenverkehr zur Arbeit fuhren, war die Mortalität im Vergleich zu Autopendlern um 10 Prozent geringer.

Genuss trotz Verzicht

Die Kultur einer künftigen, ökologisch gut aufgestellten Gesellschaft, darf und muss keine Kultur eines schlechten, freudlosen Lebens sein, im Gegenteil. Auf das Auto zu verzichten und auf das Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen, ist ein Akt dessen, was ich einen hedonischen Verzicht nennen möchte.

Städte mit weniger Autoverkehr gewinnen urbane Kultur. Die Umwidmung von Autospuren in Radspuren muss energisch vorangetrieben werden. In diesem Punkt scheint das sonst so weltläufige Berlin an einer Fantasieschwäche zu leiden.

Hedonischer Verzicht heißt mehr Lebensfreude durch Verzicht: Unser Mobilitätsverhalten ist nur einer von mehreren Bereichen, in denen wir an Lebensqualität, an gesunder Umwelt, an persönlicher Gesundheit und an Lebensfreude hinzugewinnen können.

Verzichten und trotzdem genüsslich, ja vielleicht sogar besser als zuvor leben – da muss man auf unser Ernährungsverhalten schauen und den damit einhergehenden massenhaften Konsum von Tieren.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!